30. April 2011

Düsseldorfer Luftbilder von 1943 in Google Earth

In Google Earth (nicht Google Maps) finden sich seit längerem auch Bilder älteren Datums. Für Düsseldorf und Köln gibt es nun auch Bilder aus dem Jahr 1943, von Google auf den 1.1.1943 datiert. Sie zeigen sehr anschaulich die Ausdehnung der damaligen Stadt, Straßenzüge und Eisenbahnlinien, Häuser und Freiflächen.Wer sich die KML-Datei der Karte mit den Tatorten runterlädt, kann sich diese auch in Google Earth ansehen.

Screenshot Gooegle Earth.

Prozedere:
  1. Tatort-Karte in Google-Maps öffnen
  2. In der blauen Leiste auf "In Google Earth anzeigen klicken", KML-Datei speichern. 
  3. Falls noch nicht geschehen, Google Earth herunterladen. (kostenlos)
  4. Per Doppelklick auf die KML-Datei "Akte Peter Kürten" öffnen. 
  5. Auf Düsseldorf zoomen oder in der linken Google-Earth-Leiste auf die Akte klicken und ggf. Haken ins Kästchen setzen. (Siehe roter Pfeil)
  6. Unten links erscheint im Hauptfenster eine Jahreszahl (weißer Pfeil). Anklicken und mit der daraufhin erscheinenden Leiste (blauer Pfeil) die Jahreszeit einstellen.
So sollte es dann aussehen:
Zum Vergrößern Anklicken.

31. März 2011

Die Akte Kürten im Blog - Eine Bilanz

Dieses Projekt ist heute am Semesterende angekommen. Die Geschichte des Serienmörders Peter Kürten ist gebloggt. War das nun ein erfolgreiches Projekt?

105 Artikel sind in knapp zwei Monaten entstanden und wurden  von 3.502 Besucher gelesen (für alle statistischen Angaben gilt: Stand 31.03.2011, 12:00 Uhr). Sie kamen aus
  • Deutschland (3.256)
  • den Vereinigten Staaten (62)
  • dem Vereinigten Königreich (24)
  • Österreich (20)
  • Frankreich (16)
  • Weißrussland (15)
  • der Russischen Föderation (11)
  • Australien (9)
  • der Schweiz (7)
  • und den Vereinigten Arabischen Emiraten (4)
 Am meisten einzelne Aufrufe verzeichneten:
Dabei ist allerdings anzumerken, dass alle Artikel ja auf der Startseite komplett zu lesen waren und deshalb nicht angeklickt werden mussten, so dass diese Auswertung zwar interessant, aber nicht repräsentativ ist.
Die einzelnen Übersichtsseiten wurden auch unterschiedlich aufgerufen:
Die häufigsten Suchbegriffe, die auf den Blog führten lauteten:
  • peter kürten mörder (109)
  • peter kürten (108)
  • peter kürten düsseldorf (38)
  • peter kürten serienmörder (11)

Die beiden Umfragen waren leider nicht erfolgreich. Eine erhielt überhaupt keine Stimmen, die andere nur zwei, was zwar das optisch schöne Ergebnis von 100% bei "lehrreich", "interessant" und "gut gemacht" ergibt, aber wenig aussagefähig ist.

Dies sind nur die nüchternen Fakten zu diesem Blog. Eine Frage ist noch offen: Macht es Sinn, historische Inhalte über das Internet zu vermitteln? Braucht es neben Radio, Film, Zeitschriften, Zeitungsartikeln und der "klassischen" gebundenen Literatur noch ein weiteres Medium? Und was sind die Probleme und Möglichkeiten? Kurz: Wie lautet die Quintessenz der letzten zwei Monate?

Das Internet stellt eine weitere mediale Revolution dar, die diese Welt erlebt. Sie ist vergleichbar mit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und führt zu einer weltweiten Verbreitung von Wissen (Wikipedia, Online-Zeitungen aus aller Welt, Podcasts, Mediencenter der TV-Sender, etc.) und zu einer weltweiten Vernetzung seiner Benutzer (Twitter, Email, Soziale Netzwerke, etc.). Das Internet ist ein wichtiges Werkzeug der derzeit stattfindenden Revolutionen in der arabischen Welt, über die Rolle von Twitter und Facebook in Ägypten und Tunesien wurde bereits viel geschrieben. (Das wirft gleichzeitig die Frage auf, wie Historiker in Zukunft mit diesen Medien umgehen. Sollen sie, können sie archiviert werden und wie wertet man sie aus?)
Die Welt ist im Internet und wer sie erreichen will, muss ihr folgen. Die Geschichtswissenschaft darf sich dieser Entwicklung nicht verschließen, muss sich aber auch der Problematiken und Grenzen dieses Mediums bewußt sein. Es besteht nicht die Gefahr, dass alles, was nicht online geht, verschwinden wird, so wie die mündliche Tradierung der Geschichte mit den Büchern verschwand. Das Internet scheint (zur Zeit?) wenig geeignet für komplexe Diskussionen, eher abstrakten Theorien oder für die Darstellung vielschichtiger Forschungsliteratur. Sie leben von linearen Struktur des Buches. (Was nicht bedeutet, dass sie nicht im Internet zugänglich sein sollten. E-Books oder Formate wie Scribd machen dies möglich)
Das Internet scheint mir nach den Erfahrungen mit diesem Blog vor allem für klar definierte, klar abgegrenzte Themen geeignet zu sein. Mit Hilfe von Internetseiten oder Blogs lassen sich Themen wie "Der Vampir von Düsseldorf - die Akte Kürten" gut darstellen und vermitteln. Das Internet bietet für die Darstellung und Vermittlung viele herkömmliche Medien an und bündelt sie. So kann man Ton einsetzen (Musik, O-Töne, Radio-Reportagen), Film, (Kino, TV-Dokus), Karten (als Bild eingebunden oder interaktiv wie bei Google Maps), Bilder (historische Fotografien, Gemälde, Lithographien, Stiche) und natürlich Texte. Aber genau hierin liegt (im Vergleich zur Hausarbeit) oft die Krux des Internet. Jede Verwendung eines der genannten Medien kommt einer Veröffentlichung gleich und damit ist man mittendrin im Urheberrecht. Mir persönlich ist es mehr als unklar, wo im Internet die wissenschaftliche Nutzung aufhört und ab wann man die Einwilligung des Rechteinhabers benötigt. Ein weiteres Problem könnte je nach Thema der Jugendschutz sein, nicht nur deshalb wurde hier auf die Veröffentlichung von Obduktionsfotos verzichtet.
Die vielen Möglichkeiten eine Internetseite zu gestalten und die vielen Medienformen, die hier zusammengeführt werden können, erfordern zu Beginn eines solchen Projekts eine genaue Struktur. Zwar erstellt man auch für eine Hausarbeit oder Aufsätze eine Gliederung, aber da im Internet die Textlänge gewöhnlich kürzer ist und dafür mehr eigenständige Artikel verfasst werden, muss man sich einen recht genauen Ablaufplan zurecht legen. Ursprünglich waren für diesen Blog 86 Artikel (ohne die Lichtbilder) geplant, mit 105 sind es zwar etwas mehr geworden, aber das war nicht dramatisch. Da einige Themen hier nur angerissen wurden (Die Stadt 1929), konnten auch einige Artikel nachträglich eingefügt werden und andere wurden dementsprechend nicht geschrieben.  
Ein weiteres Problem des Internets betrifft das wichtigste Werkzeug des Historikers: die Fußnote. Abgesehen von behebbaren Formatierungsproblemen (in Googles Blogger kann man derzeit keine Fußnoten wie in Textverarbeitungs- programmen einfügen) gibt es bei online verfügbaren Quellen das Problem, dass sie selten die Beweiskraft eines gedruckten Werks haben. Das liegt zum einen daran, dass der Autor nicht immer klar identifizierbar ist und zum anderen, dass weder Links noch der Inhalt garantiert werden können. Hier fehlt es noch an einer komfortablen Möglichkeit, Internetseiten inklusive aller Inhalte (z.B. Bilder und eingebundene Videos) speicher- und damit haltbar zu machen, ohne dass die Rechte des Besitzers verletzt werden.
Im Gegensatz zum unveränderbar gedruckten, sind Texte in der digitalen Welt des World-Wide-Web dynamisch. Rechtschreibfehler sind jeder Zeit veränderbar, Biblio- graphien können laufend ergänzt werden, fehlerhafte Absätze können verschwinden, neue Daten hinzugefügt werden. In diesem Blog wurden am 27.März 2011 alle Tatort-Beiträge überarbeitet, da die verwendete und eingebundene Karte mit jedem neuen Fall ergänzt wurde, so dass der Leser, der nicht von Anfang an mitgelesen hat, inzwischen vor allem bei den frühen Tatort-Einträgen eine ungenaue Beschreibung vorfand. Im Fall Gertrud Schulte wurde auch die Markierung aufgrund von Erkenntnissen im Fall Reuter verschoben und dies im Text auch kenntlich gemacht, wobei das Datum der Veränderung genannt wurde. An diesen Beispielen wird deutlich, welche Chancen, aber auch welche Risiken eine geschichtswissenschaftliche Verwendung des Internets birgt. Es bedarf eines Kodex', evtl. auch einer speziellen Programmierung, der garantiert, dass die Veränderungen nachvollziehbar sind. Das mag für viele schon eine Verständlichkeit sein, Fehler z.B. durchzustreichen und dann nachvollziehbar zu ändern, doch die Methodik sollte einheitlich sein und nicht nur auf Gewohnheiten basieren.
Ebenfalls zu berücksichtigen ist bei der Darstellung und Vermittlung von historischen Inhalten im Internet, dass nicht nur der Name lockt, sondern vor allem Links auf die eigene Seite das Entscheidende sind, um Leser zu bekommen. Dafür zählt nicht nur, dass Suchmaschinen die Seite finden, sondern in der Regel verlinken vor allem Blogger ihre Seiten durch Kommentare bei anderen (unter den Nennung der eigenen URL), um so ein Netzwerk aus Links zu erstellen und Leser zu finden. Darauf wurde bei diesem Projekt verzichtet.
Neue Forschung zu einem Thema sollte aber weiterhin auf klassischem Wege geschehen und als Buch veröffentlicht werden. Es ist zwar ein reizvoller Gedanke, über das Internet einen Einblick in die Werkstatt des Historikers zu geben, aber zielführend ist das sicherlich nicht. Forschung braucht Ruhe, Zeit, die Arbeit im Archiv und anschließend eine Schreibphase, in der man in aller Ruhe alle Aspekte zusammenführen, von allen Seiten betrachten und schließlich das Bild zusammen setzen kann. Dabei kann das Internet nicht helfen und es ist auch nicht sinnvoll jeden Gedanken unkontrolliert zu veröffentlichen.

Mit diesen Zeilen wird dieses Projekt also beendet und ich blicke ganz zufrieden darauf zurück. Ich habe einiges gelernt und ich hoffe, dass auch dem geneigten Leser jeder Besuch in diesem Blog gefallen hat, auch wenn der Inhalt weniger schön war. Ob es an dieser Stelle weiter geht, ist noch nicht klar, auf jeden Fall bleibt der Status Quo erhalten.

P.S. Wer sich für Denkmäler und insbesondere die der Stadt Wuppertal interessiert, der sei auf Denkmal_Wuppertal verwiesen.

27. März 2011

Hinter Gittern (5): Der letzte Tag

Am 3.Juli 1931 verfasste der Oberstaatsanwalt einen Bericht an den Preußischen Justizminister, in dem er die letzten Handlungen im Fall Kürten darlegte. Am 24.Juni erhielt dieser den Auftrag im Kölner Gefängnis Klingelpütz den Hinrichtungsraum und die dort vorhandene, noch aus der Franzosenzeit stammende[1] Guillotine zu überprüfen. Er stellte fest, dass diese rasch gebrauchsfertig gemacht werden könnte. Am 1.Juli 1931 um 9 Uhr erhielt der Oberstaatsanwalt die Verfügungen des Justizministers zur Ablehnung des Gnadengesuchs und zur Hinrichtung Kürtens. Um 9.30 Uhr meldete sich der Magdeburger Scharfrichter Karl Gröpler mit drei Gehilfen, der sich dann sofort nach Köln begab um die Guillotine gebrauchsfertig zu machen. Um 15 Uhr wurde Kürten von Düsseldorf nach Köln verlegt. Die Überführung erfolgte im Kraftwagen mit ausgesuchter Bewachung ohne dass Kürten Fesseln angelegt wurden. Um 17:05 Uhr gab der Oberstaatsanwalt Peter Kürten die Entscheidung des Justizministers bekannt und erklärte ihm, dass die Hinrichtung am nächsten Morgen um 6 Uhr stattfinden würde. 
"Kürten nahm diese Eröffnung tief erschüttert, aber äußerlich gefaßt entgegen."[2]
Der Oberstaatsanwalt ließ sich anschließend die Funktions- fähigkeit der Guillotine vorführen. Kürten verbrachte die Nacht schlaflos im Beisein von zwei Geistlichen, sein Verteidiger Dr.Wehner war ebenfalls eine Zeit lang anwesend. Gegen 19 Uhr aß er ein Schnitzel, Bratkartoffeln und Salat und trank im Laufe der Nacht anderthalb Flaschen Wein. Er verfasste 13 Briefe, die er an seine inzwischen von ihm geschiedene Frau, den Anstaltsdirektor in Köln und die Opfer, bzw. die Angehörigen der Getöteten gerichtet waren. [3] Seiner Frau schrieb er gegen drei Uhr in der Nacht, dass er um 6 Uhr ausgelitten habe. Dankbar sei er für den Trost der Herren, die bei ihm waren und ihm die letzte Nacht etwas leichter gemacht hätten. Er bat sie "von Herzen" um Verzeihung für das Unrecht, dass er ihr zugefügt habe, und für die Schmach und die Schande, die sie seinetwegen erlitten habe. Der Brief endet mit den Worten: "Liebe gute Guste bete für mich, im Himmel sehen wir uns wieder."[4]
Als Beispiel für die Briefe an Angehörige und Opfer seien hier drei zitiert:
"Köln den 1.Juli 1931
An die Angehörigen der kleinen Rosa Ohliger.
In meinem Schlußwort in der Hauptverhandlung hatte ich Sie bereits schon gebeten, wenn es Ihnen möglich sein sollte, das große Unrecht, das ich Ihnen zugefügt habe, mir zu verzeihen. Bevor ich meinen letzten Gang antrete, bitte ich Sie nochmal von ganzem Herzen um Verzeihung. Ich war von einem Wahn befangen und wußte nicht was ich tat. Es tut mir aufrichtig leid.
Ich bete für sie.
gez. Peter Kürten"
"Köln, den 2.Juli 1931
An Frl. Gertrud Schulte.
Aus meiner Sterbestunde:
Ich habe den lieben Gott um Verzeihung gebeten, und Er gab sie mir. Ich bitte auch Sie mir zu verzeihen und meiner in Ihrem Gebet zu gedenken.
gez.Peter Kürten"
"Köln, den 2.Juli 1931
An die Angehörigen der Maria Hahn in Bremen.
In meiner Todesstunde fühle ich besonders das schwere Leid das ich Ihnen zugefügt habe, und bereue es aus tiefstem Herzen.
gez.Peter Kürten"
[5]
Um 4:45 Uhr wurde für Peter Kürten die heilige Messe gelesen, er beichtete und erhielt die Kommunion. "Mit dem Heranna[h]en der Stunde der Vollstreckung nahm seine Fassungskraft immer mehr ab", beobachtete der Oberstaatsanwalt und erkannte, dass "er nunmehr wirkliche Reue empfand und seine Verbrechen durch den Tod sühnen wollte." Um 6:02 Uhr begleiteten ihn die beiden Geistlichen und Dr.Wehner zur Richtstätte im Hof des Gefängnisses, die gegen Blicke von Unbeteiligten abgesichert war. Der Oberstaatsanwalt beschreibt die letzten Momente: 
"Kürten war jetzt aufs tiefste erschüttert, hielt sich aber aufrecht und bewahrte unter Aufbietung seiner letzten Kräfte die Fassung. Seine Hände waren ihm leicht auf dem Rücken zusammengebunden. Er hörte die Verlesung der rechtskräftigen Urteilsformel und des Erlasses der Preußischen Staatsministeriums ruhig an, nahm Einsicht in den Erlaß, äußerte aber kein Wort mehr. Der Erlaß wurde sodann dem Scharfrichter vorgezeigt und dieser aufgefordert seines Amtes zu walten. Kürten ließ auch die letzten Vorbereitungen ohne jede Äußerung ruhig an sich vornehmen. Eine Minute später meldete der Scharfrichter, daß das Urteil vollstreckt sei. Die ganze Verhandlung hatte drei Minuten in Anspruch genommen.[6]
Die Leiche Peter Kürtens wurde anschließend an Professor Krause vom anatomisch-biologischen Institut an der Universität Berlin übergeben. Drei weitere Ärzte unternahmen noch vor Ort Versuche und entnahmen Präparate. [7] Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Kopf Kürtens in die USA, wo er bis heute im "Ripley's Believe It or Not! museum" in Wisconsin Dells ausgestellt wird. Bei Flickr findet sich eine Fotografie [8] davon.
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[1] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.294.
[2] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.290.
[3] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.289f..
[4] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.291f..
[5] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.293f..
[6] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.291.
[7] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.291.
[8] Jeremy G. Soper: Mummified head of Peter Kürten, http://www.flickr.com/photos/jeremysoper/2556742611/ (abgerufen am 17.03.2011)
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Die vollen bibliographischen Angaben, soweit hier nicht genannt, sind am unteren Ende der Seite aufgeführt. (Zu erreichen über die ENDE-Taste)

26. März 2011

Hinter Gittern (4): Das Gnadengesuch

Am 22.Mai 1931 stellte der Verteidiger Peter Kürtens in dessen Auftrag den Antrag "die über den verurteilte verhängte Todesstrafe im Gnadengesuch in lebenslängliche Zuchthausstrafe umzuwandeln."[1] Diesen Worten stellte er die Bitte seines Mandanten voran, der ihm am 27.April 1931 geschrieben hatte. Kürten führte in dem Brief aus, dass er einige Gesichtspunkte der Verteidigungsrede dafür noch einmal vortragen solle: die Frage nach der "Überlegung" zum Tatzeitpunkt (schließlich könne kein Mensch be- urteilen, wie es in ihm selbst ausgesehen habe), seine erbliche Belastung, das "Martyrium seiner Jugend" und die Folgen des Strafvollzugs. Kürten schreibt: "Es wäre wohl niemand, der in meinen Kinderschuhen gesteckt hätte, unbeschadet durchs Leben gegangen, aber höchstwahr- scheinlich auch schwer verunglückt."[2]

Am 3.Juni 1931 folgte dann die Stellungnahme des Ober- staatsanwalts. Dieser stellt fest, dass das Urteil (zugestellt am 29.5.1931) in "tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht" ohne Makel sei. Er geht dann auf das Geständnis ein und bestätigt noch einmal, dass das Urteil angemessen war. Er spricht sich für die Vollstreckung der Strafe aus, da Kürten einer Begnadigung unwürdig sei. Der Oberstaatsanwalt beschreibt ihn als sittliche verkommen, als Verachter von Menschenleben und als grausamen Kindermörder. Reue oder Mitleid habe Kürten nicht gezeigt, die Schlußworte im Prozeß seien unecht und mit Berechnung auf das Gnadengesuch ausgesprochen, was auch in der Urteilsbegründung so gesehen werde. Die Gesellschaft hätte einen Anspruch auf dauerhaften Schutz gegenüber einem solchen Verbrecher, wie sie nur die Todesstrafe gewähren würde. Kürten hätte mehrfach in seinem Leben die Gelegenheit gehabt sich zu bessern, doch diese Chancen habe er allesamt nicht wahrgenommen. Er sei überhaupt nur aus einem Grund von Altenburg nach Düsseldorf gekommen: um neue Straftaten zu begehen. Außerdem, so führte der Oberstaatsanwalt aus, würde das Volk eine Begnadigung nicht verstehen und auch die Presse sei überwiegend dafür, lediglich prinzipielle Gegner der Todesstrafe sprächen sich dagegen aus. Dies sei aber in diesem Fall zu vernachlässigen, da ein Rechtsirrtum ausgeschlossen sei.[3]

Der Stellungnahme des Oberstaatsanwalts ist eine Stellungnahme des Polizeipräsidenten beigefügt. Sie datiert vom 19.Juni 1931. Der Polizeipräsident führt aus, dass die Stimmung im Volke für eine Vollstreckung der Todesstrafe sei, auch wenn die Presse sich mit grundsätzlichen Erwägungen zur Todesstrafe zu Wort melde. Außerdem sei das Volk für Kürten zu schützen. Kürten sei es ohne weiteres zuzutrauen aus dem Gefängnis auszu- brechen, wie es einem Mörder am 15.6.31 in Lüttringhausen gelungen sei. Ebenfalls sprächen sich die Angehörigen der ermordeten Kinder für den Vollzug der Todesstrafe aus.[4]

Auch der Direktor der Strafanstalt äußert sich am 19.Juni 1931 zum Gnadengesuch. Die Anstaltskonferenz stimmte am selben Tag für Ablehnung des Gnadengesuch, nur der katholische Pfarrer habe sich der Stimme enthalten. Es folgt darauf ein Bericht über die Haftzeit Kürtens seit dem 7.Juni 1930, der einen Einblick in seine Gemütsverfassung gibt. Kürten benahm sich als sei er Herr der Situation und verlangte zahlreiche Extra-Wünsche, die ihm gewährt wurden, wenn er drohte die Aussage zu verweigern. Unter anderem verlangte er Kautabak einer anderen Marke, einen neuen Zellenanstrich, andere Matratzen oder eine Zelle zur Sonnenseite hin. Diese Wünsche wären ihm aber alle nicht gewährt worden. Als im Herbst 1930 ein Gutachter aus Bonn auf Antrag des Verteidigers ihn untersuchte, brachte dieser seine Privatsekretärin mit. Kürten erklärte daraufhin, dass die Frau einen schönen Hals habe und er nicht garantieren könne, dass er sich einmal auf sie stürzen könne. Der Gutachter verzichten anschließend darauf die Sekretärin weiterhin mitzubringen. Auch der Verteidiger hätte seinerseits größte Probleme mit Kürten gehabt und habe nur mit ihm reden können, wenn er ihm Rauchwaren, Genußmittel, Zeitungen oder ein bestimmtes Weißbrot mitbrachte. Seit Dezember 1930 besuchte er den Gottesdienst. Trotz nächtlichem Licht und Bewachung durch einen Beamten schlafe er seelenruhig und hätte den ersten Verhandlungstag verschlafen, wäre er nicht geweckt worden. An den Verhandlungstagen achtete er darauf perfekt frisiert und gekleidet zu sein. Nach dem Urteil wurde Kürten auf Anordnung des Präsidenten des Strafvollzugsamts in Sträflingskleidung gesteckt und aller Vergünstigungen wurden ihm entzogen, worauf er bereute das Urteil angenommen zu haben. Er sprach dann auf oft Reue und Mitleid mit den Opfer, was aber "entsprechend seiner andersgearteten Persönlichkeit [...] von der Reue anderer Menschen wohl zu unterscheiden sei." Er stellte auch dar, dass die jetzige Staatsregierung aufgrund ihrer Einstellung die einzige Gewähr für ein erfolgreiches Gnadengesuch sei, was -so erklärte der Anstaltsdirektor- der wahre Grund für die unverzügliche Annahme des Urteils gewesen sei. Außerdem äußert der Anstaltsdirektor die Sorge, dass sich Kürten trotz strengster Sicherungs- maßnahmen an einem Mitgefangenen oder Beamten vergreifen könnte.[5]


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[1] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.260.
[2] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.260..
[3] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.261ff..
[4] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.264f..
[5] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.267ff..

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Die vollen bibliographischen Angaben, soweit hier nicht genannt, sind am unteren Ende der Seite aufgeführt. (Zu erreichen über die ENDE-Taste)

25. März 2011

Peter Kürtens Rezeption in der Musik (4): M - Eine Stadt sucht einen Mörder

Das Lied "M - Eine Stadt sucht seinen Mörder" der deutschen Punkrockband Turbostaat orientiert sich an Fritz Langs Meisterwerk gleichen Namens, der ja wiederum zu einem nicht geringen Teil auf dem Fall Peter Kürten beruht. Das Lied erschien 2003 auf dem Album "Schwan". Den Liedtext findet man auf der Homepage von Turbostaat. 

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[1] http://www.youtube.com/watch?v=E8rVI5IvOn0&feature=related (abgerufen am 17.03.2011)

Peter Kürtens Rezeption im Film (1): M - Eine Stadt sucht einen Mörder

Am 11.Mai 1931, drei Wochen nach dem Urteilsspruch gegen Peter Kürten, feierte in Berlin der Film "M - Einer Stadt sucht einen Mörder" von Fritz Lang Premiere. Es ist einer der ersten Tonfilme Deutschlands. Das Drehbuch wurde vor Peter Kürtens Verhaftung im Mai 1930 fertiggestellt. 
In dem Film versetzt ein Kindermörder Berlin in Angst und Schrecken, die Kriminalpolizei und schließlich sogar die Ringvereine (kriminelle Vereinigungen) jagen den Mörder. In einer Fabrik macht die Unterwelt dem Mörder Hans Beckert schließlich den Prozeß, bis die Polizei eintrifft und ihn vor eine ordentliches Gericht stellt.  
Der Fall Peter Kürten ist neben dem anderer Serienmörder am stärksten in die Handlung eingeflossen. Der Film kam in Spanien unter dem Namen "M – El vampiro de Düsseldorf" und in Italien unter dem Titel "M – Il mostro di Düsseldorf" in die Lichtspielhäuser. [1]
Bei youtube.de findet sich der komplette Film: [2]


Basierend auf dem Film entstand das 2009 in Deutschland erschienene Graphic Novel "M" (Leseprobe auf der Homepage des Verlags [3]) von Jon.J.Muth.

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[1] Seite „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 14. März 2011, 18:09 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=M_%E2%80%93_Eine_Stadt_sucht_einen_M%C3%B6rder&oldid=86438600 (Abgerufen am 17. 03.2011)
[2] http://www.youtube.com/watch?v=_O_ldOK3dDE (Abgerufen am 17.03.2011)

24. März 2011

Vor Gericht (3): Das Urteil

"Im Namen des Volkes hat das Schwurgericht in Düsseldorf für Recht erkannt:
Der Angeklagte ist des Mordes in 9 (neun) Fällen, in 2 Fällen begangen in Tateinheit mit vollendeter Notzucht, in einem Falle begangen in Tateinheit mit gewaltsamer Vornahme unzüchtiger Handlungen, schuldig. Er wird für jeden Fall des Mordes mit dem Tode bestraft.
Der Angeklagte wurde ferner wegen Mordversuches in 7 (sieben) Fälle zu einer Gesamtzuchthausstrafe von 15 (fünfzehn) Jahren verurteilt.
Die bürgerlichen Ehrenrechte werden dem Angeklagten auf Lebenszeit aberkannt, auch wird Polizeiaufsicht für zulässig erklärt.
Die beschlagnahmten 2 Scheren, der Hammer und die Dolchspitze werden eingezogen.
Die Kosten des Verfahrens fallen dem Angeklagten zur Last."[1]
Direkt im Anschluss an die Urteilsbegründung erklärten Verteidigung und Anklage den Verzicht auf die Einlegung von Rechtsmittel, sodass das Urteil am Tag der Ver- kündigung rechtskräftig wurde.[2]
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[1] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.258f. Siehe auch: Ernst Gennat: Der Prozeß, S.203.
[2] Ernst Gennat: Der Prozeß, S.204.
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Die vollen bibliographischen Angaben, soweit hier nicht genannt, sind am unteren Ende der Seite aufgeführt. (Zu erreichen über die ENDE-Taste)

23. März 2011

Vor Gericht (2): Die Plädoyers

An dieser Stelle sollen die Plädoyers der Staats- anwaltschaft, des Verteidigers Dr.Wehner und Kürtens Schlußrede vorgestellt werden. Vom Plädoyer des Staatsanwalts liegen in den mir zur Verfügung stehenden Quellen nur die Schlußworte vor, die daher hier zitiert werden sollen: 
"Das Gesamtbild, das der Prozeß von den Verbrechen und der Täterpersönlichkeit gegeben hat, hat eine solche abgrundtiefe Verkommenheit, eine solche Gefährlichkeit des Täters und eine solche Menge Opfer gezeigt, daß wir nur hoffen können, daß sich ein solcher Fall niemals wiederholen möge. Wenn jemals ein Lustmörder die Todesstrafe verdient hat, so ist es Peter Kürten."[1]
Die Verteidigungsrede Dr.Alex Wehners ist 1937 abgedruckt worden und steht deshalb in voller Länge zur Verfügung. Er begann sie mit einer Beschreibung der Ungeheuerlichkeit der Verbrechen Kürtens, die in der Kriminalgeschichte bisher unerreicht sei. Als besonders stellte er im Vergleich zu anderen Serienmördern der Weimarer Republik heraus, dass Kürten Frauen, Männer, junge Mädchen, Kinder und Tiere getötet hat. Anschließend beschrieb Wehner, dass er von vielen Seiten und der Öffentlichkeit gefragt wurde, wie man denn Kürten noch verteidigen könne, ja, warum er überhaupt einen Verteidiger gestellt bekomme. Wehner stellte daraufhin klar, dass es nicht die Aufgabe der Verteidigung sei, das eigene Ich aufzugeben, sondern er sei als Teil der Rechtspflege daran interessiert die Wahrheit zu suchen und zu finden. Er mahnte dann die Geschworenen als Teil seiner Aufgabe als Verteidiger, die "rein gefühlsmäßige Abscheu" zugunsten der objektiven Einstellung gegen über dem Angeklagten und dessen Taten zurückzustellen.
Wehner erklärte dann, dass mit der Verhaftung Kürtens am 24.Mai 1930 noch nicht feststand, dass man den Düsseldorfer Serienmörder gefunden habe. Anhand der spärlichen Indizen (z.B. die Mörderbriefe) und der Aussage Auguste Kürtens, hätte man ihm wohl nur den Fall Budlies und den Fall Schulte nachweisen können. Allein das Geständnis Kürtens habe vollständige Klarheit geschaffen und damit die Möglichkeit eine umfassende Anklage vor Gericht zu bringen. Wehner betonte, dass er selbst der Meinung sei, dass Kürten der Täter wäre und dieser habe ihn auch beauftragt noch einmal klar zu stellen, dass er der langgesuchte Mörder sei.
Der Verteidiger fuhr dann fort, in dem er darlegte, dass die zahlreichen Gutachter Kürten nicht für geisteskrank im Sinn des §51 und damit strafrechtlich verantwortbar für seine Taten erklärten. Doch Wehner fragt an die Geschworenen gerichtet, ob die Taten Kürtens an sich nicht schon bewiesen, dass mindestens eine Grenzfall im Sinne des §51 vorliege.
"Dies wird insbesondere dann klar, wenn wir uns selbst überlegen, daß wir doch alle psychisch einfach nicht in der Lage wären, solche Taten zu begehen, während bei Kürten nicht nur keine Hemmungen vorhanden waren, sondern ein äußerst starker Trieb, diese Taten zu begehen und einer Art zu häufen, daß wir vor einem psychologischen Rätsel stehen."[2]
Er führte weiter aus, dass die Gutachter Kürten erst später - nach den Taten - kennen lernten und untersuchten. Im Anschluß daran kam Wehner auf den Werdegang Kürtens zurück, der auch schon von der Anklage gewürdigt worden sei, um dann darauf aufbauend wieder auf den Paragrafen 51 zurückzukommen.
Sollten die Angeklagten die Voraussetzungen für § 51 nicht bejahen, so erklärte Wehner, müssten sie weiterhin prüfen, ob im Sinne des "§211 StrGB" der Vorsatz der Tötung vorgelegen habe und ob die Tat mit Überlegung ausgeführt worden sei. Wehner selbst beantwortet die erste Frage eindeutig: Der Vorsatz der Tötung habe in allen Fällen mit Ausnahme der Lierenfelder Messerstechereien vorgelegen. Zur zweiten Frag erklärte er, dass jede ohne eine Überlegung ausgeführte Handlung als Totschlag und nicht als Mord zu werten sei. Wehner geht anschließend ausführlich auf die rechtlichen Grundlagen des Konstrukts der "Überlegung" ein, dessen Wiedergabe an dieser Stelle aber zu weit führen würde. Wehner bezweifelte jedoch die Mordabsicht und sprach im Hinblick auf die Überlegung, also die Frage ob ein Mord oder ein Totschlag vorlag, die einzelnen Fälle durch. Auf eine detaillierte Vorstellung der Argumente soll an dieser Stelle ebenfalls verzichtet werden: In den Fällen Klein, Scheer, Reuter, Dörrier, Kühn, Schulte, Meurer, und Wanders verneinte Wehner eine Mordabsicht Kürtens. In den Fällen der Kinder Ohliger und Albermann kam er eindeutig zu der Feststellung, dass eine Überlegung stattgefunden habe, bei den Fleher Kindermorden zweifelte er und verwies deswegen die Geschworenen auf den juristischen Grundsatz in dubio pro reo, sie müssten also Totschlag annehmen. Im Fall Maria Hahn verzichtete Wehner aufgrund des "schaurigen Tatbestands" auf eine "rechtliche Würdigung". Besonders die Tatsache, dass Peter Kürten ín vielen Fällen auf eine Tötung verzichtete, zeigte für Wehner, dass er nicht mit einer Mordabsicht losgegangen sei und dass die sexuelle Erregung dafür verantwortlich sei, ob ein Totschlag folgte - oder nicht.
Wehner schloss seine Verteidigungsrede mit dem Hinweis, dass sich die Gefängnistore hinter dem Angeklagten für immer schließen würden. Er habe sich schwer an der Menschheit vergangen und er werde das Urteil der Geschworenen als gerechte Sühne für seine furchtbaren Taten annehmen. Ausdrücklich bat er dann die Geschworenen den Angeklagten nicht der menschlichen Verachtung anheim fallen zu lassen. 
"Wird so nicht auch der Angeklagte das Recht haben, seinerseits Anklage zu erheben gegen sein Schicksal und zu sagen:
Warum bin ich geboren als der Sohn eines Trinkers, eines Sexualverbrechers?
Warum bin ich nicht geboren im lichten Raum?
Warum bin ich ohne Erziehung wie Unkraut am Wege aufgewachsen?
Warum habe ich diese scheußliche Veranlagung, die geschlechtliche Perversion, mit zur Welt gebracht?
Warum bin ich nicht geboren als ein Mensch, wie sie hier um mich versammelt sind?, für die es einfach eine Unmöglichkeit wäre, solche Taten zu begehen, ohne daß es ihr eigenes Verdienst ist?"[3]
Wehner ermahnte noch einmal die Geschworenen nach Recht und Gesetz zu entscheiden und aus Kürten keine Bestie zu machen und ihn aus der menschlichen Gesellschaft auszuschließen. Mit seinen letzten Worten zur Verteidigung Kürtens zitierte er die Worte, die Annette von Droste Hülshoff ihrer Novelle "Die Judenbuche" voran gestellt hat.[4] (Leseprobe "Die Judenbuche" auf lyrikwelt.de, die kursiv gesetzten Worte sind gemeint.)[5]

Peter Kürten versuchte in seiner Schlußrede nicht seine Taten "in irgendeiner Form zu entschuldigen". Allerdings wies er daraufhin, dass einige Ärzte mehr als anderthalbtausend Morde begangen hätten und bezog sich damit auf eine Abtreibungsaffäre zweier kommunistischer Ärzte in Stuttgart. Dann wandte er sich an Prof.Sioli und hielt ihm vor, dass er sein Elternhaus als nicht mitbestimmend für seiner Entwicklung ansah. (Sioli sagte in seinem Gutachten, das Erbanlage das eine sei, die Verantwortung für den Umgang damit müsse jeder selbst tragen). Er wies den Vorwurf des Oberstaatsanwalts zurück, dass er sein Geständnis aus Feigheit zurückgezogen habe, er habe dies nur wegen seiner Frau getan. Dann wandte er sich an die Presse und lobte deren maßvolle Bericht- erstattung, die er aufmerksam verfolgt habe, da er sich selbst in seiner Jugend an der Sensationspresse berauscht habe. Die Öffentlichkeit würde so nicht vergiftet werden. Daraufhin rief ihm ein Presseverteter ein ironisches "Wir danken!" zu. Dann ging er auf einige Opfer ein, die es ihm zu leicht gemacht hätten, da sie mit ihm in den Wald gegangen seien. "Der Drang nach dem Manne nimmt ja immer ungewöhnlichere Formen an.", kommentierte er dies, was ihm einen Ordnungsruf des Vorsitzenden einbrachte. An- schließend bat er die Angehörigen der Opfer, so weit es ihnen möglich sei, ihm zu verzeihen und stellte klar, dass er die Opfer nie gequält habe. [6] Seine Rede endete mit den Worten:
"Und wenn Sie dieses alles in Betracht ziehen und meinen guten Willem, alle Taten zu sühnen und Buße zu tun, erkennen, dann glaube ich doch, daß das große Rache- und Haßgefühl gegen mich nicht nachhalten wird, und ich möchte Sie bitten: Seien Sie versöhnt!"[7]
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[1] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.255.
[2] Alex Wehner: Verteidigungsrede für den Düsseldorfer Massenmörder Kürten, S.220.
[3] Alex Wehner: Verteidigungsrede für den Düsseldorfer Massenmörder Kürten, S.235.
[4] Alex Wehner: Verteidigungsrede für den Düsseldorfer Massenmörder Kürten, S.213-235.
[5] Die Judenbuche (Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen) Leseprobe: http://www.lyrikwelt.de/gedichte/droste-huelshoffg6.htm (abgerufen am 16.03.2011)
[6] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.256ff..
[7] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.258.
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22. März 2011

Lichtbild (10): Der Gerichtssaal in der Tannenstraße

Die Turnhalle der Schutzpolizei in der Tannenstraße, die als Gerichtssaal im Fall Kürten diente.[1]
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[1] Hölling: Blick auf die Turnhalle in der Polizeikaserne an der Tannenstraße in der ab 13.4.1931 der Prozeß gegen den Massenmörder Peter Kürten stattfand, Aufnahmedatum 1931, Bildersammlung des Stadtarchivs Düsseldorf, Bildnummer: 093 700 007.
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Vor Gericht (1): Der Fall Peter Kürten

Am 26.Januar 1931 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Peter Kürten, es kamen allerdings nicht alle Fälle und Straftaten zur Anklage, sondern nur die wichtigsten: (nach Ernst Gennat:)
"I.des Mordes in 9 Fällen und zwar
1. 25.5.13 in Köln-Mülheim - Christine Klein
2. 8.2.29 in Düsseldorf-Flingern - Rosa Ohliger
3. 12./13.2.29 in Düsseldorf-Flingern - Rudolf Scheer
4. 11.8.29 in Papendell - Maria Hahn
5. 24.8.29 in Düsseldorf-Flehe - Luise Lenzen und 
6. Luise [richtig: Gertrud, Anm.JNK] Hamacher
7. 29.9.29 in Düsseldorf-Oberkassel - Ida Reuter
8. 11.10.29 in Düsseldorf-Gerresheim - Elisabeth Dörrier
9. 7.11.29 in Düsseldorf-Grafenberg - Gertrud Albermann
 II. des versuchten Mordes wird K. in 7 Fällen angeklagt, und zwar
1. 3.2.29 in Düsseldorf-Gerresheim - Apollonia Kühn
2. 21.8.29 in Düsseldorf-Lierenfeld - Anna Goldhausen
3. am gleichen Tag daselbst Olga Mantel
4. am gleichen Tag daselbst Heirnich Kornblum
5. 25.8.29 in Düsseldorf-Niederkassel - Gertrud Schulte
6. 25.10.29 in Düsseldorf-Flingern - Hubertine Meuer
7. am gleichen Tage in Düsseldorf (Hofgarten) - Klara Wanders
III. in allen Fällen - mit Ausnahme der Fälle Scheer (I,3) und Kornblum (II,4) - wird K. außerdem angeklagt, mit Gewalt unzüchtige Handlungen an Frauenspersonen vorgenommen zu haben.
IV. in den Fällen Reuter, Dörrier und Albermann (I 7, 8 und 9) wird K. weiter angeklagt, durch dieselben Handlungen Frauenspersonen zum außerehelichen Beischlaf mißbraucht zu haben, nachdem er sie zu diesem Zwecke in einen bewußtlosen Zustand versetzt hatte;
V. im Falle Schulte wird K. außerdem noch wegen versuchter Notzucht angeklagt."[1]
Der Prozeß fand schließlich vom 13. bis zum 24. April 1931 statt. Aufgrund der außergewöhnlichen Umstände und dem übergroßen Interesse ließ man eine Turnhalle der Schutzpolizei in der Tannenstraße als Gerichtssaal herrichten.  Wie Ernst Gennat gleich zu Beginn seines knappen Berichts feststellt gab es keine Überraschungen. Peter Kürten, der sicher juristische und medizinische Fachausdrücke verwendete, gab seine Taten zu. Neu hinzukam für Gennat die Angabe, dass Kürten schon als 9jähriger einen Knaben in den Rhein gestoßen haben will, der daraufhin ertrunken sei. Kürten führte seinen Werdegang auf seine Jugendzeit und den Vater sowie einem benachbarten Hundeschlächter zurück, übertrieb dabei aber und wurde vom Vorsitzenden ermahnt. Seine Ansichten zum Strafvollzug, den er im polizeilichen Verhör als Grund für seine Taten angab, revidierte er. [2]
"Der ganzen Veranlagung des K. entsprechend stellte die Hauptverhandlung sicherlich einen Höhepunkt seines bisherigen Lebens dar: wenn er z.B. das Wort ausdrücklich an die Presse richtete und zur Abfassung sachlicher Berichte mahnte unter Hinweis auf die Schädigungen, die gerade er er durch schlechter Lektüre erlitten habe."[3]

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[1] Ernst Gennat: Der Prozeß, S.200f..
[2] Ernst Gennat: Der Prozeß, S.201f. 
[3] Ernst Gennat: Der Prozeß, S.203.
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21. März 2011

Peter Kürtens Rezeption in der Musik (3): Dedicated to Peter Kürten (Whitehouse)

Die britische Power-Electronics-Band Whitehouse, die für ihre extremen Musik-Collagen bekannt ist, veröffentlichte 1981 (und 1996) das Album "Dedicated to Peter Kürten" auf dem auch ein gleichnamiges Lied zu finden ist. Die sehr spezielle unharmonische Musik von Whitehouse mischt sich mit extremen Texten über Massenmörder oder Vergewaltiger.[1] Den Anfang des Liedes "Dedicated to Peter Kürten" kann man sich beim Download-Portal Legalsounds.com anhören.

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[1] Seite „Whitehouse (Band)“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 1. November 2010, 22:22 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Whitehouse_(Band)&oldid=81001866 (Abgerufen: 17. März 2011, 13:47 UTC)

Peter Kürtens Rezeption in der Musik (2): Vampire of Düsseldorf (Macabre)

Die amerikanische Death-Metal-Band Macabre, die in vielen Liedern Massen- und Serienmörder thematisiert und dies "Murder Metal" nennt, veröffentlichte 1993 in ihrem Album "Sinister Slaugther" ein Stück über Peter Kürten: "Vampire of Düsseldorf" (Der Liedtext findet sich hier.)



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[1] http://www.youtube.com/watch?v=HHYhG805eKA (abgerufen am 17.03.2011)

20. März 2011

Faszination Serienmörder (6): Fünf Fragen an Wolfgang Wirringa

Wolfgang A. Wirringa, 1957 in Düsseldorf geboren, ist Schauspieler, Regisseur und Autor. Für den Altstadtherbst 2008 verfasste er das Krimi-Kammerspiel "Wer ist der Mörder?" und führte auch Regie. Hintergrund des Stücks ist die Geschichte des Serienmörder Peter Kürten. Ein Auszug aus der Ankündigung im Programmheft:
Die lebensgeschichtliche Entwicklung von Peter Kürten bildet die Grundlage der Handlung in diesem Fünf-Personen-Stück, das Wirringa in der ärmlichen Frühzeit der Weimar Republik in einer „Wartehalle“ spielen lässt. Dieser Ort des Geschehens wird zum Sinnbild eines Ortes, „an dem wir“, so Wirringa, „so lange verweilen müssen, bis wir lernen zu verstehen, was in unserem Leben geschehen ist. Erst dann lässt sich auf die eine oder andere Weise Verantwortung übernehmen“. In dieser Wartehalle begegnet man Peter. Aber Peter ist nicht allein. Mit ihm „warten“ sein Vater, seine Ehefrau und eine namenlose Frau. In der Wartehalle befinden sich einige wenige Gegenstände, die den Wartenden an sein früheres Leben erinnern sollen. Und jede Wartehalle hat einen „weißen“ Wächter, der geduldig darauf wartet, dass man Verantwortung übernimmt. Angesichts der heute unvermindert präsenten Berichte über Serienmörder schärft dieses Theaterstück somit auch den Blick auf die aktuellen Fragen nach Schuld und Sühne.[1]
Auf W.A.Wirringas Homepage findet sich auch folgender, bei Youtube eingestellter Prolog des Theaterstücks: [2]


Auch Wolfgang A.Wirringa war so freundlich fünf Fragen zur Frage nach der Faszination des Serienmörders zu beantworten. 

1. Herr Wirringa, Ihr Theaterstück "Wer ist der Mörder?" wurde beim Altstadtherbst '08 aufgeführt. Wovon handelt es?
 
Wie wird man eigentlich zu einem Serienmörder? Um diese zentrale Frage ringen die Figuren im imaginären Wartesaal zur Ewigkeit des Düsseldorfer Serienmörders Peter Kürten. In einer Art Verhandlung ohne Richter lassen Peter Kürten, Peter der Ältere (Vater von Kürten), Auguste (Ehefrau von Kürten) und die sprach- und namenlose Mutter ihr Leben Revue passieren, legen Rechenschaft ab und versuchen zu begreifen - oder auch nicht.
In diesem Prozess der Ernüchterung sprechen sie alle. Der Vater, gewalttätiger Tyrann und Trinker, der sich keiner Schuld bewusst ist. Die Mutter, stumm in der Fron der Hausarbeit gefangen, die nur durch ihre Lieder verrät, dass da noch Gefühle sind. Die Ehefrau, die selbst einen Menschen tötete, und spät begreift, auf wen sie sich da eingelassen hat. Und Kürten, der nur schweigend hatte handeln können, plötzlich aus freiem Entschluss redet und allmählich aus seinem Wahn erwacht.
Der Wächter, Erzähler, Chronist und manchmal philosophischer Deuter, der die Handlung vorantreibt und auf ein Ende drängt.

Der Text für Kürten, seinem Vater und seiner Ehefrau wurde historischen Protokollen entnommen und geringfügig dramaturgisch ver-dichtet. Das Gesprochene entspricht der Wahrheit, fügt Mosaikstein zu Mosaikstein, treibt die Figuren zur Konfrontation und choreografiert subtil ein Mit- und Gegeneinander, das zum Nachdenken anregt.

2. Wie sind Sie darauf gekommen ein Theaterstück über Peter Kürten zu machen?

Ich hörte zufällig, dass die Dramaturgie des 'Düsseldorfer Altstadtherbst' den Wunsch hatte, ein „kriminales Stück“ ins Programm aufzunehmen. Nach einem kurzem Gespräch, bekam ich den Auftrag, einen Vorschlag zu machen und bei Gefallen, diesen auch zu inszenieren. Ich wühlte mich ohne Erfolg (nichts gefiel mir) durch vorhandenes kriminales Bühnenmaterial. „Es sollte doch etwas mit Düsseldorf zu tun haben“, war mein nächster Gedanke. Und so stößt man unweigerlich auf Peter Kürten. Zunächst war mir der Fall zu „blutrünstig“, ich wollte irgendwie nicht. Je mehr ich jedoch über den Fall las, desto neugieriger wurde ich. Es gab viele örtliche Gemeinsamkeiten zw. Kürten und meiner Düsseldorfer Geschichte. Die Orte der Handlungen, der Wohnort waren mir allzu bekannt. Kürten machte in seinen jungen einige Dinge, die auch ich in ähnlicher Weise tat. Und da fragte ich mich: Wie wird man eigentlich zu einem Menschen, der in der Lage ist, so viele natürliche Grenzen zu überschreiten? Ich wollte wissen: „Wer IST (dieser Mensch) der Mörder?“ und warum wurde er, was er wurde...?

3. Wie geht man es an einen Serienmörder auf die Bühne zu bringen?

Mich hat eigentlich nur der psychologische Prozess des Werdens dieses Menschen und die allgemeine philosophische Frage nach dem Bösen im Menschen interessiert. Und das habe ich versucht auf die Bühne zu bringen.

4. Ist es eigentlich gerecht einem Serienmörder so viel Aufmerksamkeit zu widmen?

Gerecht!? Wenn man diesem Menschen schon in seiner Kindheit keine Aufmerksamkeit schenkte! Dann denke ich, ist es mehr als („gerecht“) wichtig, uns die Geschichten des Werdens solcher Kreaturen anzuschauen, denn diese Menschen werden weiterhin überall auf dieser Welt „gemacht“!!

5. Wieso übt der Serienmörder Peter Kürten 80 Jahre nach seiner Hinrichtung immer noch eine Faszination auf uns aus?

Für mich gibt es da keine Faszination. Nur der Glaube an die Notwendigkeit uns auch mit diesen Dingen der menschlichen Existenzen beschäftigen zu müssen. Denn wir sind ja verantwortlich!!


Ich bedanke mich bei W.A.Wirringa, dass er die Zeit gefunden hat, die Fragen zu beantworten.

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[1] Wer ist der Mörder? Krimi-Kammerspiel über den Düsseldorfer Mörder Peter Kürten von Wolfgang Wirringa, Programm des Altsatdtherbsts 2008, http://www.altstadtherbst.de/2008/programm/WerIstDerMoerder_2.htm (abgerufen am 13.03.2011)
[2]Peter Kürten Doku-Drama "Wer ist der Mörder?,  http://www.youtube.com/watch?v=lKHmmXcPmFQ (abgerufen am 13.03.2011)
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19. März 2011

Die 20er Jahre (4): Hier spicht der Westdeutsche Rundfunk

Es war der 8.Mai 1926 als am Rhein in Düsseldorf die Gesolei eröffnet wurde. Die feierliche Eröffnungsfeier wurde vom jungen Westdeutschen Rundfunk von den Sendestellen Münster, Dortmund und Bielefeld übertragen. Am selben Tag fiel im Reichspostministerium die Entscheidung den Sender Langenberg einzurichten und dazu in Köln und Düsseldorf "Besprechungsräume". Das erste Studio in Düsseldorf befand sich im ehemaligen Offizierskasino an der Roßstraße.[1]
Die technische Vorgeschichte des Radios umfasst die Speicherung und Aussendung von akustischen Informationen. Die Meilensteine dafür waren die Erfindung der Telegrafie (1844), der Telefonie (1876), die drahtlose Übertragung mittels Radiowellen (1886) und schließlich die Schall- platte (Schellackplatte, ab 1895 massenhaft verbreitet). Am 12.12.1901 stellte der Italiener Marconi die erste drahtlose Radiowellen-Verbindung zwischen Amerika und Europa her. Die drahtlose Telegrafie, wie man den neuen, revolutionären Dienst nannte, fand zunächt vor allem beim Militär und besonders der Marine Verbreitung. Im Ersten Weltkrieg wurde Funk dann so bedeutend, dass hunderttausend Soldaten zu Funkern wurde und die "Telegrafentruppe", bzw. die "Nachrichtentruppe"  wurde sogar zu einer eigenen Waffengattung. Einige dieser Funker, die im Arbeiter- und Soldatenrat aktiv waren, stürmten während der Novemberrevolution das Wolffsche Telegraphenbureau in Berlin und verkündeten den Sieg der Revolution. Mangels allgemein zugänglichen Empfangsgeräten verhallte diese Nachricht weitgehend ungehört. Die Konsequenz daraus war, dass die Reichsregierung den Rundfunk dem "Postregal" unterstellte und Sendung und Empfang 1919-1923 verboten waren. 1923 folgte dann die Zulassung des "Unterhaltungs-Rundfunks" unter zahlreichen Auflagen. So mussten alle politischen Nachrichten vom Wolffschen Telegraphenbureau abgenommen werden und wurden von einer staatlichen Kontrollstelle überprüft.  Das Radio sollte nicht zu Mobiliserung und Eskalation beitragen, sondern in die Gegenrichtung wirken: Das Radio sollte die Massen ablenken und gut zu Hause (und nicht auf der Straße) unterhalten. 1924 startete die "Westdeutsche Funkstunde" aus Münster als letzte Regionalsendestation. 
Der Start des Rundfunks in den 20er Jahren löste eine kulturelle Revolution in Deutschland aus. Es entstand eine neue "massenmediale" Öffentlichkeit, die zwar von der Zeitung bekannt war, aber noch gesteigert wurde. Wort und Musik trafen den Hörer direkt und wirkten als sinnliche Ansprache. Der Rundfunk ermöglichte zudem die "Live-Übertragung", die eine unmittelbare Teilhabe an gesell- schaftlichen und kulturellen Ereignissen ermöglichte. Die Öffentlichkeit drang über die Lautsprecher des Empfängers in die Privatspähre der Wohnung ein. Gleichzeitig konnte man in Berlin hören, was in München geschah. Zudem verallgemeinerte der Rundfunk durch seinen Anspruch "für alle" zu senden Kunst und Kultur.
Auch die Musik erfuhr eine neue Dimension. Sie war beliebig erzeugbar und beliebig empfangbar und nicht mehr ein singuläres Ereignis wie bei einem Konzert. Wie heute auch diente sie als musikalischer Stimmungsbegleiter durch den Tag. Im Gegensatz dazu war die Sprache im Vergleich zu heute völlig anders. Knut Hickethier urteilt:
"Sprache und Sprachweise der politischen Bericht- erstattung waren staatstragend, ernst, voller Pathos. Emphase und pathetische Überhöhung kennzeichneten die Übertragung von großen kulturellen Ereignissen sowie vom Sport; selbst in Unterhaltungsformen blieb noch - und dies bis in die 1950er Jahre - vom Gestus her ein autoritativer Stil bestimmend. Der Rundfunk hatte den für mehr oder weniger unwissend gehaltenen Hörer immer etwas mitzuteilen, und dagegen hatte es keinen Widerspruch zu gegen."[2]
Zu Beginn des Radios sendete man nur am Abend, wenn das Publikum zu Hause war. Dann folgten Sendung am Mittag, wenn viele Arbeitnehmer ihre Mittagspause zu Hause verbrachten und schließlich baute man das Programm immer weiter aus. Dieses bestand im wesentlichen aus verschiedenen Musiksendungen, für die neben den Schallplattenaustrahlungen auch Salonkapellen engagiert wurden. Besonderen Wert legte man auf Übertragungen von Veranstaltungen aus Opern, Konzertsälen, usw. Der Rundfunk wirkte auch selber auf die Musik zurück und beeinflusste sie. Ein weiterer wichtiger Programmpunkt waren Romane, Erzählungen und Hörspiele. Immer öfter gab es Kabarett und "bunte Abende". Darüber hinaus gab es Bildungssendungen, naturwissenschaftliche Vorträge und Ratgebersendungen. Sportsendungen gehörten schon früh zum Programm der Rundfunksender. Insgesamt war die "Rundfunklandschaft durch eine große Angebotsvielfalt und regionale Unterschiede" geprägt. 
Für den Hörer, der Anfangs zum Empfang noch eine Lizenz bei der Post beantragen musste, wurde der Rundfunk immer mehr zu einem Alltagsbegleiter. Anfangs führte die Neuartigkeit des Mediums  und die schlechte Qualität der Empfänger dazu, dass man konzentriert zuhören musste. Mit röhrenverstärkten Radios und einer besseren Programm- qualität verschwand dies. Der Rundfunk ermöglichte jeden Tag den Zugang zu Kultur und Musik, Nachrichten und Teilhabe an der Gesellschaft.[3]

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[1] Hugo Weidenhaupt: Kleine Geschichte der Stadt Düsseldorf, Düsseldorf 6.Auflage 1976, S.162.
[2] Knut Hickethier: Die Erfindung des Rundfunks in Deutschland, in: Werner Faulstich (Hg.): Die Kultur der zwanziger Jahre, München 2008, S.225.
[3] Knut Hickethier: Die Erfindung des Rundfunks in Deutschland, in: Werner Faulstich (Hg.): Die Kultur der zwanziger Jahre, München 2008, S.217-235.

18. März 2011

Hinter Gittern (3): Die Untersuchung von Prof.Sioli

Nachdem gestern an dieser Stelle die Analyse von Karl Berg vorgestellt wurde, soll nun gleiches mit den Erkenntnissen des Leiters der Grafenberger Anstalt geschehen. Die Gespräche von Prof.Franz Sioli mit Peter Kürten dauerten vom 7.Oktober 1930 bis zum 2.November 1930. Die ärztliche Begutachtung teilt Prof.Sioli in drei Kapitel: Die Frage nach einer möglichen Geisteskrankheit, die Frage ob die freie Willensbewilligung aufgehoben wurde und schließlich eine ärztliche Ausführung zur Persönlichkeit Kürtens.
Wie Prof.Berg stellt Prof.Sioli fest, dass es keine körperlichen Anzeichen für eine Geisteskrankheit gibt und das er auch während der Untersuchung keinerlei Anzeichen dafür entdeckt hat. Es gab keine Anzeichen für eine krankhafte Affektstörung.
"Es fehlen alle die unmotivierten stereotypen, manierierten Absonderlichkeiten in Haltung und Bewegung von Gesichtsmimik, Ausdrucks- und anderen Bewegungen des Körpers und der Sprache, welche die Anzeichen katatoner Störungen, des Spanungs- irreseins oder Triebirreseines sind."[1]
Zwei "geistige Vorgänge" erörtert Prof.Sioli anschließend: Die "Sühneidee" und die "Stimmen" die Kürten gehört haben will. Zu letzterem Punkt stellt Sioli fest, dass dies keine Sinnestäuschungen waren, sondern Phantasie- vorstellungen Peter Kürtens, denen "die Möglichkeit der Verwechslung mit der Wirklichkeit völlig fehlt." Kürten war besser als anderen Menschen imstande sich Phantasie- vorstellungen lebendig auszumalen, was aber kein krankhaft Zug war.
Die Sühneidee, die Kürten erst in den Untersuchungen so formuliert und die in den polizeilichen Vernehmungen als Rachegedanke zu Tage kommt, ist für Prof.Sioli kein "krankhaft entstandender unkorrigierbarer Irrtum des Kürten, sondern eine von ihm selbst denkerisch gebildete  Rechtfertigungstheorie." Doch ebenso wie Karl Berg stellt Sioli fest, dass die Sühneidee lediglich ein Teil seiner sexuellen Befriedigung war und nicht zu den Tatmotiven zählt, sondern erst anschließend auftaucht.
Weiterhin untersuchte Prof.Sioli ob temporäre Bewußt- seinsstörungen bei Kürten vorliegen, ob er möglicherweise seine Geständnisse erfunden haben könnte oder ob er eine bestehende krankhafte Störung zu verheimlichen versucht. Prof.Sioli kommt zu dem Erkenntnis, dass keine dieser Möglichkeiten zutrifft, allerdings warnt er, dass seine Begutachtung nicht auf einer klinischen Dauerbeobachtung fußt, sondern auf mehrfachen Untersuchungen im Gefängnis. Er empfiehlt eine sechswöchige Anstaltsbeobachtung und schließt sich damit einem Antrag von Prof.Berg an. 
Zur zweiten Frage, ob eine Bewußtseinsstörung während der Ausführung der Taten vorlag, liegen Prof.Sioli ebenfalls keine Anzeichen vor. Die Erinnerung Kürtens ist vollständig und wird von den Zeugen bestätigt, so dass ein Zustand von Bewußtlosigkeit ausgeschlossen wird. Zusammen- fassen stellt Prof.Sioli fest: 
"Die Taten Kürtens stellen sich uns also in der Weise dar: Zum Zweck der sexuellen Befriedigung hat Kürten seine Taten geplant, unternommen und durchgeführt, die sexuelle Befriedigung war von ihm nur durch Gewalttaten vollendet möglich; die in der Sühneidee von ihm zusammengefaße denkerische Theorie ermöglichte es ihm, jede Hemmung beiseite zu schieben, die nach einer Tat für die nächste Tat entstehen konnte; Großmanns- sucht und Phantasieausmalung gaben ihm zu den Gesamthergängen das affektive Beharren."[2]
Den Ergebnissen zur Geisteskrankheit, Motiven und dem freien Willen folgt dann eine ärztliche Einordnung der Persönlichkeit Kürtens. Prof.Sioli führte dazu eine Untersuchung der "Erbeigenschaften" durch, die auf einem Ahnentafel eines Dr.Neustadt und der Charakterisierung Kürtens beruht. Es wird dabei klar, dass nur auf der väterliche Seite eine "außerordentliche Häufung gleicher Eigenschaften" zu erkennen ist. Dazu gehören:
"Geisteskrankheit in geringem Maße, Kriminalität in stärkerem Maße, Trunksucht in noch stärkerem Maße und am stärksten verbreitet [...] Großmannssucht, lebhafte[...] Phantasietätigkeit, Reizbarkeit und gesteigerte Sexualität."[3]
Die Geisteskrankheiten, die dort festgestellt wurde, sind vermutlich keine, die vererbt, sondern während des Lebens erworben wurden, z.B. durch den Alkohol oder Syphilis- erkrankungen. Prof. Sioli erklärt im Anschluss daran noch einmal ausdrücklich, das das Vorhandensein von Erbeigenschaften nicht die Verantwortung für die Entwicklung im Leben ersetzt.
Als sicher steht für Prof.Sioli fest, dass Peter Kürten eine schlimme Jugendzeit hatte, die besonders von seinem prügelnden und trinkenden Vater beherrscht war. Alle seine wesentlichsten Eigenschaften wurde bis zu seinem 16 Lebensjahr - als er von zu Hause ausriß - entwickelt.
"Wir sehen in der Persönlichkeitsentwicklung Kürtens als wichtigste Eigenschaft die Entstehung und immer konsequentere Entwicklung der sadistische Perversion an, die in früher Jugend entstand, die in Phantasie und Handlung ihn dauernd beschäftigt [...]."[4]
Auch Prof.Sioli betont, ebenso wie Prof.Berg, dass Kürten neben seinen negativen Eigenschaften auch andere besitzt. So seien ihm zarte Gefühle und Triebe nicht fremd, was sich besonders in seinem Verhältnis zu seiner Frau äußere. Auch schaffte er es "in seiner schrecklichtsten Zeit der Mordlust" sich seinem Vater anzunähern und sich mit ihm auszusprechen. In seiner Phantasie stellte er sich auch die dankbare, jubelnde Stadt Düsseldorf vor, die nun vom Düsseldorfer Mörder befreit sei. Ein weitere positive Eigenschaft ist seine intellektuelle Geistesfähigkeit und seine Bildung.[5] Abschließend stellt Prof.Sioli fest:
"Für Menschen, in denen einzelne höhere Eigenschaften gerade das Triebleben zu einer besonderen Höhe entwickelt sind, hat die medizinische Wissenschaft den Begriff der Psychopathie, die Abartung im Seelischen, ohne daß dies Abartung von der medizinischen Wissenschaft als Krankheit im engeren Sinne oder als unabänderliche, dem freien Willen entzogene Veränderung betrachtet wird. Und so erscheint es uns medizinisch gesehen die Persönlichkeit Kürtens."[6]
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[1] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.232f..
[2] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.241.
[3] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.244.
[4] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.251.
[5] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.232-253.
[6] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.252.
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Die vollen bibliographischen Angaben, soweit hier nicht genannt, sind am unteren Ende der Seite aufgeführt. (Zu erreichen über die ENDE-Taste)

17. März 2011

Hinter Gittern (2): Die Untersuchung von Prof.Berg

Nachdem Kürten in Haft genommen worden war und die kriminalistischen Voruntersuchungen abgeschlossen waren, wurde er von mindestens drei Ärzten untersucht: Gerichtsmediziner Prof.Berg, der Leiter der Grafenberger Anstalt Prof.Sioli und ein Dr.Raether begutachteten Peter Kürten. Von Prof.Berg und Prof.Sioli sind Gespräche, Berichte und Protokolle überliefert, in diesem Beitrag sollen die Schlussfolgerungen Karl Bergs aus seiner Untersuchung Kürtens vorgestellt werden. 
Karl Berg beschreibt Kürten als von seiner Umwelt als harmlos und unauffällig wahrgenommener Mensch. Eine der wenigen herausragenden Eigenschaften war seine Eitelkeit. Selbst im Gefängnis bemühte er sich gut auszusehen und wirkte so auf seine Umgebung jünger als er war. Außer einer unauffälligen Narbe an der Wange und einer Rißwunde in der Kopfhaut, die durch ein Eisenstück herrührte, das ihm auf den Kopf fiel und ihm noch Jahre später Kopfschmerzen verursachte, war er ohne "körperliche Abweichungen". Während der Haft war Kürten gegenüber seiner Umwelt freundlich und zugänglich, zu Berg "sogar zutraulich". Auch nach langen Gesprächen zeigte er keine Anzeichen von Ermüdung oder Gereiztheit.
Gegenüber der Polizei und vor Gericht lehnte Kürten jede "sexuelle Triebfeder" als Motiv für sein Handeln entschieden ab, er wollte nicht als "Lustmörder" gelten. Gegenüber Berg, der ihm ärztliche Verschwiegenheit zusicherte und deren Status ihm auch der Untersuchungs- richter bestätigte, äußerte er sich offener. Berg zitiert Kürtens Äußerungen über sich selbst ausführlich, so beschreibt dieser beispielsweise seinen Drang zum Töten:
"Ich hatte eigentlich dauernd die Stimmung, Sie werden es Drang nennen, zum Umbringen. Je mehr, um so lieber. Ja, wenn ich die Mittel dazu gehabt hätte, dann hätte ich ganze Massen umgebracht, Katastrophen herbeigeführt. Jeden Abend, wenn meine Frau Spätdienst hatte, bin ich herum- gestreift nach einem Opfer. Es war aber nicht so leicht, eins zu finden."[1]
Den sexuellen Trieb beschreibt Kürten bei sich selbst als sehr stark, der sich durch seine Taten noch verstärkte und weitere Überfälle provozierte. Befriedigung seiner sexuellen Erregung fand er nicht im Mißbrauch sondern in der Gewalt, beim Würgen oder Stechen seiner Opfer, was erklärt, warum er Frauen unterschiedlichen Alters, Kinder und einen Mann überfiel und tötete. Ein besonderes Vergnügen war für ihn,  wenn er blutende Wunden sehen konnte. Sein Trieb war nicht periodisch, sondern immer gleich stark, die unterschiedliche Auswirkungen erklärte er mit geglückten oder eben nicht geglückten Überfällen, Brandstiftungen oder Haftzeiten. Zu den Brandstiftungen erklärte er: 
"In meinen Vorstellungen spielten die Brände dieselbe Rolle wie andere Massenunglücke, wenn die Leute dabei so durcheinander liefen und schrien, das war mein Vergnügen. Auch der grelle Feuerschein nachts war erregend.[...] Ich habe regelmäßig den Brand beobachtet, meist aus nächster Nähe, so daß ich schon zur Hilfeleistung herangezogen wurde. Ich befand mich sonst immer unter den Zuschauern auf der Straße [...] Bei großen Bränden kam es dann immer zum Samenerguß."[2]
Ausgehend von Kürtens Äußerungen stellt Karl Berg fest, dass Kürten als Sadist einzuordnen ist, der allerdings im Gegensatz zu anderen bekannten Sadisten und Verbrechern nie die gleiche "Arbeitsmethode" anwandte, was das Besondere an Kürten war. Die ersten Anzeichen für den Sadismus Kürtens findet sich in dessen Kindheit, als er "Freude an Tierschlachtungen" bemerkte. Gleichzeitig damit kamen ein kurze Phase der Sodomie. Berg urteilt:
"Sein von ihm geschildertes Tierquälen war schon sadistisch gerichtet. [...] Aber er bestätigt doch die alte Erfahrung, daß frühzeitige Tierquälerei das Vorzeichen einer Künftigen Kriminalität ist."[3]
Besonders wichtig war ihm, wie aus den Äußerungen schon deutlich geworden ist, der Anblick des austretenden Blutes: 
"Das war das unfehlbare Reizmittel, um den Orgasmus auch dann noch hervorzurufen, wenn andere auch sonst oft erprobte Mittel, wie das Würgen, die Hammerschläge, nicht oder nicht schnell genug wirkten."[4]
Karl Berg stellte fest, dass Kürten auch nicht der Mörder war, als der er sich bei der Polizei darstellte. Sein Zweck war allein die "Befriedigung des Geschlechtstriebs". Bei Opfern, bei denen Blut floss, als sie noch lebten oder bei denen Kürten durch Würgen zur Befriedigung kam, verlor er sofort danach das Interesse. Eine Tötungsabsicht gab es nach der Ejakulation nicht mehr. Eines der vielen Beispiele dafür ist der Fall Hau. Nachdem Kürten seinem Opfer das Blut von der Lippe geküsst hatte und es zur Ejakulation gekommen war, handelten sie noch die Kosten für den Kaffee aus und Kürten verschwandt. In einigen Fällen, wie bei Maria Budlies, führte Kürten seine Opfer zurück zur Straßenbahn und verhielt sich wie ein höflicher Kavalier. Seine wiederholten Besuche an Tatorten oder auch Gräbern, zum Beispiel dem des Mädchen Christine Klein in Mülheim, fanden zu dem gleichen Zweck - der Befriedigung des Geschlechtstrieb- statt. 
Dieser Betrachtung das Sadismus' Kürtens folgt bei Karl Berg ein weiteres Kapitel, dass den Blick auf die Person Peter Kürten noch vertieft. Er hält ihn nicht für geisteskrank im Sinne des § 51 StGB. Ein Zwang zur Ausübung war nicht vorhanden. Berg urteilt: 
"Im Grunde war es doch nur eine Gewohnheit geworden, abends und an den Feiertagen auszugehen und nach einem geeigneten Opfer auszuspähen. Fand er keins, und das war glücklicherweise die Regel, so ging er eben unbefriedigt heim."[5]
Dazu stellt Berg fest, dass Kürten auch im Moment der Ausführung der Tat wachsam war und wie im Fall Schulte bei einer Störung oder Gefahr für sich selbst sofort von seinem Vorhaben abließ. 
Prof.Berg bezeichnet Peter Kürten als Psychopathen, dessen Charakter vom trunksüchtigen Vater und Vatersvater negativ beeinflusst wurde. Der Sadismus sei nur die Teil- erscheinung einer allgemeinen Psychopathie. Dazu gehört auch "sein Hang zur Lüge und Verstellung", die er zu ungeahnter Meisterschaft kultiviert habe. Die Wirkung seiner Fähigkeiten als Schauspieler wurde durch seine Geistesgegenwart und Dreistigkeit verstärkt. Als Beispiel dient Berg hier unter anderem der Fall des Mädchens aus Herne, das ihn in der Steinstraße erkennt und anzeigen will, was er durch Androhung eine Gegenanzeige vermeiden kann. 
Der Verlogenheit in Kürtens Wesen steht eine erstaunliche Offenheit gegenüber, die er gegenüber den Ärzten zeigte. Die Mischung aus Offenheit und Lüge bedingte auch die über ein halbes Jahr dauernde Voruntersuchung der Staats- anwaltschaft. Die schon angesprochene Eitelkeit, die er pflegte, spiegelte sich in seinem Innern durch seine Selbstgefälligkeit, die auch sein ausführliches Geständnis erklärt. Reue oder Mitleid  mit seinen Opfern empfand Kürten in den Gesprächen mit Prof.Berg nie.
Zu den "schätzenswerten" Eigenschaften Kürtens zählt Berg dessen selbsterworbene Allgemeinbildung, das gute Gedächt- nis, welches durch die Überprüfung des Geständnisses bestätigt wurde, und seinen scharfen Blick für alle Nebenumstände. Das Alter seiner Opfer schätzte er auch bei nur kurzem Zusammensein in der Regel sehr genau ein. [6]
Karl Bergs Analyse endet mit folgenden Worten:
"Wer sich nach den Zeitungsberichten über die entsetzlichen Verbrechen des Kürten ein Bild von ihm zurecht legt, der stellt sich ihn als einen gefühlskalten, rohen Menschen vor, als die Bestie in Menschengestalt. Der Zeitungsleser erfährt eben nur das Schreckhafte. Wer sich aber näher mit diesem seltsamen Menschen beschäftigt und zu scheiden vermag zwischen dem Sadisten Kürten und dem Menschen Kürten, der wird zu seiner Verwunderung in diesem Menschen Kürten neben manchen Mängeln auch Werte entdecken just in ähnlicher Mischung wie bei anderen Mitmenschen auch, einen zugänglichen, freundlichen Plauderer mit vielseitigen Kenntnissen und zutreffendem Urteil, der vergessen macht, daß wir dem Düsseldorfer Mörder gegenübersitzen.[7]
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[1] Karl Berg: Der Sadist, S. 145.
[2] Karl Berg: Der Sadist, S. 152f.
[3] Karl Berg: Der Sadist, S. 161.
[4] Karl Berg: Der Sadist, S. 160.
[5] Karl Berg: Der Sadist, S. 166.
[6] Karl Berg: Der Sadist, S. 143-176.
[7] Karl Berg: Der Sadist, S. 176.
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16. März 2011

Liebe Leser...

Liebe Leser,
seit heute Abend finden sich in der Seitenleiste zwei Umfragen zu diesem Blog, die bis zum 30.März beantwortet werden wollen. Darüber hinaus würde ich mich freuen, wenn ich in den Kommentaren zu diesem Eintrag eine Rückmeldung zu diesem Projekt bekomme. Was ist Euch aufgefallen, was hat Euch gefallen, was hat Euch gestört? 
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Vielen Dank.


Kriminalistik (4): Die Fehler der Polizei

"Konnte man die Täterschaft des Kürten früher feststellen und auf welchem Wege?"
Diese Frage steht über dem letzten Artikel aus Ernst Gennats Serie über den Düsseldorfer Serienmörder. Dazu stellt der Kriminalist fest, dass Peter Kürten trotz seiner vielen Vorstrafen bis zum Beginn der Ermittlungen nie wegen Sittlichkeitsdelikten verurteilt worden war, wenngleich er 1913 und 1926 zweimal wegen Notzucht angeklagt worden war. Auch sein Umfeld, seine Frau oder Beteiligte des Strafvollzugs (abgesehen von Wilhelm Hofer) haben nie Anzeichen bemerkt, die Kürten verdächtig machten. Auf frischer Tat wurde er nie ertappt, ja es wurde auch nie Anzeige von den betroffenen Frauen erstattet.
Als Fehler der Polizei sind zwei falsche Festnahmen und sogar Verurteilungen zu werten. Das betraf im Frühjahr 1929 den Geisteskranken Stausberg, dessen Unschuld durch die Verurteilung Kürtens beweisen wurde. Man muss an dieser Stelle sicher kritisieren, dass die Polizei zu leichtgläubig war und sich durch ein falsches Geständnis täuschen ließ. Auch im Fall Klein im Jahr 1913 wurde der Onkel des Kindes fälschlicherweise verurteilt. Der Onkel haßte den Vater des Mädchens (seinen Bruder) und einige Zeugen meinten ihn am Tatabend in der Nähe gesehen zu haben. [1] Ernst Gennat stellte fest:
"Ein Rückblick aus der jetzigen Situation zeigt in außerordentlich lehrreicher Weise, wie leicht durch Verkettung irgendwelcher Umstände auch ein Unschuldiger in Verdacht geraten kann."[2]
Der Gerichtsmediziner Karl Berg erinnert noch einmal an die scharfe Kritik an der Polizeiarbeit, die aus seiner Sicht zu Unrecht geäußert wurde. Berg erklärt, wieso die Ermittlungen so schwierig waren: Serienmörder zeichnen sich, so die damalige Lehrmeinung, durch die stets gleiche Ausführung ihrer Taten aus. Doch im Fall Kürten gibt es keine übergreifenden eindeutigen Gemeinsamkeiten:
"Das sexuelle Motiv lag bei fünf Morden in dem spezifischen Genitalbefund klar zutage, bei anderen, bei dem ermordeten Scheer oder dem gestochenen Kornblum oder der Frau Meurer war es nicht erweislich. Verschieden war auch die Art des Angriffs mit einleitendem Würgen bei Ohliger, Hamacher, Lenzen, Albermann; aber bei den überlebenden Opfern fehlte wiederum  das Würgen. Sodann die große Zahl der Stiche bei der einen Reihe der Opfer, ihr Fehlen bei anderen und die Hammerschläge sprachen auch gegen den gleichen Täter."[3]
Ein weiterer Irrtum, den Berg im Nachhinein feststellt, war die Erwartung, dass angesichts der "Scheußlichkeit der Morde" nur ein Geisteskranker als Täter in Frage komme.[4]
Weitere Fehler der Polizei ergeben sich aus den Erklärungen Kürtens in der Haft. So war er im Gespräch mit einem Kriminalbeamten, als dieser auf dem Weg zum Tatort im Fall Scheer war und dieser ging seinem Mißtrauen nicht nach, als er merkte, dass Kürten sehr detailliert informiert war. Auch die wiederholte Rückkehr an den Tatort wie im Fall Ohliger wäre eine Möglichkeit für die Polizei gewesen den Täter zu stellen.
Weniger ein Fehler der Polizei an sich ist die Tatsache, dass die vergewaltigten Frauen ihn Peter Kürten nie bei der Polizei anzeigten. Sie hatten wohl kein Vertrauen in die Arbeit der Polizei bzw. fürchteten sie sich oder schämten sich ihr Schicksal bei der Polizei preiszugeben und damit in die Öffentlichkeit zu treten. Aber man muss klar konstatieren, dass dieses Problem bis heute besteht.

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[1] Ernst Gennat: Der Prozeß, S.205f.. 
[2] Ernst Gennat: Der Prozeß, S.208.  
[3] Karl Berg: Der Sadist, S.102. 
[4] Karl Berg: Der Sadist, S.103. 
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15. März 2011

Hinter Gittern (1): Kürten im Urteil seiner Umwelt.

Als am 24.Mai 1930 Peter Kürten gefasst wurde, verbreitet sich die Nachricht am nächsten Morgen in den Sonntags- ausgaben der Düsseldorfer Zeitungen. Am Montag erschienen dann weitere Artikel, die Düsseldorfer Nachrichten druckten ein Foto des Düsseldorfer Mörders ab. Nicht nur die Polizei ermittelte in seinem Umfeld, sondern auch die Journalisten versuchten sich ein Bild von dem Mann zu machen. Man stieß auf seine kriminelle Vergangenheit und befragte das Umfeld. Die Düsseldorfer Nachrichten berichteten, dass Kürten bei seiner letzten Arbeitsstelle nicht sonderlich beliebt gewesen war und unter den Kollegen keine Freunde gefunden hatte. Er galt als arbeitsscheu und ließ sich häufig krank schreiben. Er beteiligt sich nicht an Gesprächen - auch nicht an Unterhaltungen über den Düsseldorfer Mörder - und blieb verschlossen. Kürten war dafür bekannt "daß [er] seine Frau vernachlässigte und daß er lieber Mädchen nachstellte." Ein Arbeitskollege beobachtet einmal erstaunt, dass Kürten Mädchen gegenüber auf einmal sehr redegewandt sein konnte. Im Haus Mettmanner Straße 71 war man, so berichtet die Zeitung, ebenfalls sehr erstaunt. über die Festnahme und das Geständnis. Viel Kontakt mit Kürten hatten die Bewohner nicht mit ihm, er bemühte sich auch hier nicht um Anschluss. Im Gegensatz dazu suchte Auguste Trost bei den Nachbarn und klagte häufig über die Affairen ihres Mannes. Vier Monate vor der Verhaftung kam es zwischen dem Vermieter und Peter Kürten zu einem Streit, der zur Kündigung des Mietverhältnisses führte, nachdem Kürten dem Vermieter gedroht hatte. An einem der nächsten Abende kamen die Kürtens zu ihrem Vermieter und Peter Kürten "[...] bat diesen wie ein gescholtenes Kind demütig um Verzeihung."[1]
Gegenüber der Polizei sagte ein Arbeitskollege aus der Zeit als Kürten im Februar 1929 bei Schiess-Defries angestellt wurde und der seinen Spind neben dem Kürtens hatte, dass Kürten sehr naturliebend war und sie häufig mit ihren Frauen nach Feierabend den Ostpark besuchten. Auch er stellte fest, dass Kürten "zu Frauen sehr freundlich" war. Als sie einmal am Hellweg entlang gingen, zeigte Kürten auf eine Stelle und bezeichnete diesen als Ort, an dem der Invalide Scheer gelegen habe. Darüber hinaus beschrieb der Arbeitskollege Kürten noch als geizig, er habe nie etwas von ihm bekommen.[2]
Ein ehemaliger Nachbar aus der Zeit, als die Kürtens in Altenburg lebten, bezeichnete Kürten als sonderbaren und unruhigen Menschen. Auffällig oft habe sich mehrmals an einem Abend umgezogen, um dann wegzugehen. Darüber hinaus sei er misstrauisch und schreckhaft gewesen, wenn man plötzlich in der Stube auftauchte. Kürten brachte auch noch zwei weitere Schlösser an der Wohnungstür an. Der Nachbar beobachtete, dass Kürten viel rauchte aber nur wenig Alkohol zu sich nahm. Öfters sei es vorgekommen, dass man aus der Wohnung einen heftigen Aufschlag hören konnte, was Kürten mit Epilepsieanfällen seiner Frau erklärte.[3]
Niemand unter den Befragten hätte Kürten vor dem 24.Mai 1930 für den Düsseldorfer Mörder gehalten. Er war ein seltsamer, eigenwilliger Mensch mit einem Hang zu Liebschaften, ein Mensch mit Fehlern, der aber sonst nicht auffiel.
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[1] Kürten im Urteil der Umwelt, in: Düsseldorfer Nachrichten, 26.Mai 1930, Morgen-Ausgabe, Nr.265.
[2] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.77f..
[3] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.78f..
[4] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.79f..

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14. März 2011

Kriminalistik (3): Die Fotografie

Die aufkommende Fotografie wurde in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts immer öfter auch in der Kriminalistik angewandt. Dabei gab es zwei Aufgabenbereiche: der Erkennungsdienst und die Spurensicherung am Tatort, die beide im Fall Kürten zum Einsatz kamen. 
Seit den 1860er Jahren begann man in allen größeren Städten Deutschlands Verbrecheralben anzulegen, die erstmals eine indirekte Gegenüberstellung zwischen Opfern und Tätern ermöglichte und die Identifizierung und Fahndung erleichterte. In Danzig legte man in den 1860er Jahren ein Verzeichnis von Taschendieben an, in Berlin begann man 1876 mit Bauernfängern. Die Berliner Verbrecherkartei beinhaltete 1909 23.533 Fotografien, in Hamburg schaffte die fotografische Anstalt der Polizei von 1889 bis 1912 900.000 Fotografien, darunter 2000 Handschriften-Bilder und 1300 Tatort-Fotos. 
Mit der steigenden Zahl an Fotografien benötigte man auch eine Ordnung. Die erste sortierte die Verbrecher anhand ihrer "Branche", sodass zum Beispiel alle Anarchisten in einer Schublade landeten. Der bekannte Dresdner Kriminalist Robert Heindl, der auch die Methode der Fingerabdrücke revolutionierte, führte um die Jahr- hundertwende die Ordnung nach Größe, Alter und Verbrechenskategorie (in dieser Reihenfolge) ein, da er ermittelt hatte, dass Zeugen Größe und Alte am Besten einschätzen konnten. In Frankreich gab der Spezialist des Erkennungsdienstes, Alphonse Bertillon, den Polizisten ein Verbrecheralbum im Taschenformat mit auf Streife, das 2000 Doppelfotografien enthielt und nach Nasenform, Ohrenform, Körpergröße, Alter und Augenfarbe sortiert war. Alphonse Bertillon hatte bereits 1888 die Nutzung der Fotografie im Erkennungsdienst standardisiert. Der Fokus der Aufnahmen sollte bei allen Aufnahmen identisch sein. Zu diesem Zweck brachte er zwei Linien auf der Mattscheibe an, die es dem Fotografen erleichtern sollten, stets die gleiche Position von äußerem Augenwinkel und Ohrmitte bei Profilaufnahmen zu erreichen. Außerdem ließ er eine Apparatur anfertigen, die Kamera und Sitzgelegenheit des Verbrechers beinhaltete. Der Stuhl war dabei höhenverstellbar und so geformt, dass ein bequemes Sitzen nur in einer Position möglich war.
Doch trotz aller Bemühungen erwies sich das Verbrecheralbum als zu unpraktisch und wurde bald von der Daktyloskopie verdrängt.
Seit dem frühen 20.Jahrhundert wurde die Tatort-Fotografie umfassend in der Spurensicherung angewendet. Bis dahin hatte sich die Polizei mit Zeichnungen und Skizzen behelfen müssen und war auf die Kunstfertigkeit des Zeichners angewiesen, der den Tatort nach eigenem Anschauen darstellen musste. Die Fotografie eliminierte, so hoffte man, den menschlichen Faktor in diesem Arbeitsbereich der Spurensicherung. Das größte Problem dabei war, einen dreidimensionalen Tatort in eine zweidimensionale Fotografie umzuwandeln. Eine Skala, die mitfotografiert wurde, schaffte hier Abhilfe. Allerdings gelang es nicht, die Tatort-Fotografie zu standardisieren, z.B. im Hinblick auf Brennweite und Aufnahmewinkel, da die örtlichen Umstände es nicht zuließen. [1]
Dennoch lautet das Urteil des Historiker Peter Becker:
"Die Fotografie revolutionierte die Spuren- sicherung, die Auswertung der Spuren und die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Instanzen des Ermittlungs- und Strafverfahrens. Sie ermöglichte die Zirkulation von Beweismitteln ebenso wie von Portraits gesuchter bzw. zu identifizierender Verbrecher."[2]
Lichtbild (9): Der Serienmörder von Düsseldorf. Lichtbilder von Peter Kürten
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[1] Peter Becker: Dem Täter auf der Spur. Eine Geschichte der Kriminalistik, Darmstadt 2005 S.65-88.
[2] Peter Becker: Dem Täter auf der Spur. Eine Geschichte der Kriminalistik, Darmstadt 2005 S.88.

13. März 2011

Faszination Serienmörder (5): Fünf Fragen an Cornelius Schumann II

Cornelius Schumann II wurde 1951 in Bad Godesberg geboren und studierte zwischen 1977 und 1982 Kunstgeschichte, Völkerkunde und Rechtswissenschaften an der Universität zu Köln. 1982-1985 leistete er sein Referendariat am Landgericht Köln ab und beteiligte sich an der Konzeption des Drehbuchs seines Freundes und Kollegen Ulrich Hermanski für eine Dokumentation des WDR über Peter Kürten und übernahm sogar die Rolle des Verteidigers in der Umsetzung der Dokumentation. Seit 1987 ist er als Rechtsanwalt in Düsseldorf tätig, seit 2000 ist er Fachanwalt für Strafrecht. Sein Tätigkeitsbereich umfasst allgemeines und besonderes Strafrecht, Kapitaldelikte, Steuerstraftaten, Wirtschaftsstraftaten, Umweltstraftaten, Maßregelvollzugsrecht und Revisionsrecht. 
Auch wenn seine Beschäftigung mit dem Fall Peter Kürten schon etwas länger zurück liegt (wenn man von einem Besuch im Projektseminar an der Heinrich-Heine-Universität in diesem Semester absieht), war er so freundlich fünf Fragen dazu zu beantworten.

1. Herr Schumann, Sie sind Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Düsseldorf. Würden Sie das Mandat für die Verteidigung Peter Kürtens annehmen?

Ja, natürlich würde ich ein solches Mandat annehmen. Was sollte dagegen sprechen? Die Grausamkeiten der jeweiligen Taten? Die hohe Anzahl der Taten? Als Verteidiger mache ich mich doch nicht zum Spießgesellen des Täters. Es geht –auch in solchen Fällen- immer nur darum, der Rechtsprechung und damit der Gerechtigkeit auf die Füße zu helfen und dafür Sorge zu tragen, dass die strafprozessualen Rechte eines Angeklagten und das materielle Strafrecht von der Justiz beachtet werden.

2. Sie haben in einer WDR-Dokumentation den Verteidiger Kürtens gespielt. Wie verteidigt man einen Serienmörder?

Die Frage ist schwierig zu beantworten. Wenn man davon ausgeht, dass heute die Taten auf Grund der modernen technischen Möglichkeiten sicherlich leichter und überzeugender nachgewiesen werden würden, ist vermutlich ‚Schweigen‘ nicht der richtige Weg. ‚Schön reden‘ kann man die Taten aber auch nicht. Vermutlich würde ich eher versuchen wollen, im Bereich der Schuldfähigkeit anzusetzen. Dies könnte als Folge die Einweisung in die Psychiatrie nach sich ziehen, was gegebenenfalls auch die „angenehmere“ Form des Strafvollzuges sein könnte. Bei einer Verurteilung, die, wie das LG Düsseldorf seinerzeit von Schuldfähigkeit ausgeht, hätte der Täter heute mit lebenslanger Haft und anschließender Sicherungsverwahrung zu rechnen.

3. Sie haben zusammen mit Ihrem Freund Ullrich Hermanski am Drehbuch der Dokumentation gearbeitet: Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Ich erinnere mich besonders gerne an das spannende Aufarbeiten der damaligen Ermittlungsakten (Dokumente, Bilder, Zeitungsausrisse etc.) in den Räumen des Hauptstaatsarchives im Schloss Kalkum und die wirklich netten und kompetenten Mitarbeiter dort.

4. Hat die Beschäftigung mit dem Fall Peter Kürten Einfluss auf Ihre Arbeit als Strafverteidiger gehabt?

Natürlich erinnere ich mich das eine oder andere Mal an Dinge, die mit dem Fall Kürten in Berührung stehen. Dies aber weniger im Zusammenhang mit meiner Arbeit als Strafverteidiger, denn als Bürger dieser Stadt.
Wir hatten damals bei der Vorarbeit zum Film die Tatorte aufgesucht, auch um die jeweiligen Drehmöglichkeiten zu eruieren. Ich glaube, ich würde auch heute noch jeden Tatort finden. Jedenfalls weiß ich immer schön schaurige Geschichten zu erzählen, wenn ich an diesen Orten auf Spaziergängen vorbeikomme.

5. Wieso übt der Serienmörder Peter Kürten 80 Jahre nach seiner Hinrichtung immer noch eine Faszination auf uns aus?

Wir sind als Menschen wohl alle immer noch manchmal wie Kinder, die sich gerne gruseln wollen und die Vorstellung, dass es da jemanden gab, der Brände gelegt, Schwänen den Hals aufgeschlitzt, Blut getrunken und andere Menschen mit Hämmern und Scheren verletzt und getötet hat, erfüllt wohl dieses Bedürfnis. Anders als Dracula, Das Pendel und Freitag, der 13. ist „Kürten“ tatsächlich geschehen und gewesen und zeigt damit auch, was der Mensch fähig ist zu tun und nicht nur zu denken. Diese Erkenntnis und das damit verbundene Erschauern, denke ich, ist das Fesselnde an Geschichten über wahre Verbrechen.