30. April 2011

Düsseldorfer Luftbilder von 1943 in Google Earth

In Google Earth (nicht Google Maps) finden sich seit längerem auch Bilder älteren Datums. Für Düsseldorf und Köln gibt es nun auch Bilder aus dem Jahr 1943, von Google auf den 1.1.1943 datiert. Sie zeigen sehr anschaulich die Ausdehnung der damaligen Stadt, Straßenzüge und Eisenbahnlinien, Häuser und Freiflächen.Wer sich die KML-Datei der Karte mit den Tatorten runterlädt, kann sich diese auch in Google Earth ansehen.

Screenshot Gooegle Earth.

Prozedere:
  1. Tatort-Karte in Google-Maps öffnen
  2. In der blauen Leiste auf "In Google Earth anzeigen klicken", KML-Datei speichern. 
  3. Falls noch nicht geschehen, Google Earth herunterladen. (kostenlos)
  4. Per Doppelklick auf die KML-Datei "Akte Peter Kürten" öffnen. 
  5. Auf Düsseldorf zoomen oder in der linken Google-Earth-Leiste auf die Akte klicken und ggf. Haken ins Kästchen setzen. (Siehe roter Pfeil)
  6. Unten links erscheint im Hauptfenster eine Jahreszahl (weißer Pfeil). Anklicken und mit der daraufhin erscheinenden Leiste (blauer Pfeil) die Jahreszeit einstellen.
So sollte es dann aussehen:
Zum Vergrößern Anklicken.

31. März 2011

Die Akte Kürten im Blog - Eine Bilanz

Dieses Projekt ist heute am Semesterende angekommen. Die Geschichte des Serienmörders Peter Kürten ist gebloggt. War das nun ein erfolgreiches Projekt?

105 Artikel sind in knapp zwei Monaten entstanden und wurden  von 3.502 Besucher gelesen (für alle statistischen Angaben gilt: Stand 31.03.2011, 12:00 Uhr). Sie kamen aus
  • Deutschland (3.256)
  • den Vereinigten Staaten (62)
  • dem Vereinigten Königreich (24)
  • Österreich (20)
  • Frankreich (16)
  • Weißrussland (15)
  • der Russischen Föderation (11)
  • Australien (9)
  • der Schweiz (7)
  • und den Vereinigten Arabischen Emiraten (4)
 Am meisten einzelne Aufrufe verzeichneten:
Dabei ist allerdings anzumerken, dass alle Artikel ja auf der Startseite komplett zu lesen waren und deshalb nicht angeklickt werden mussten, so dass diese Auswertung zwar interessant, aber nicht repräsentativ ist.
Die einzelnen Übersichtsseiten wurden auch unterschiedlich aufgerufen:
Die häufigsten Suchbegriffe, die auf den Blog führten lauteten:
  • peter kürten mörder (109)
  • peter kürten (108)
  • peter kürten düsseldorf (38)
  • peter kürten serienmörder (11)

Die beiden Umfragen waren leider nicht erfolgreich. Eine erhielt überhaupt keine Stimmen, die andere nur zwei, was zwar das optisch schöne Ergebnis von 100% bei "lehrreich", "interessant" und "gut gemacht" ergibt, aber wenig aussagefähig ist.

Dies sind nur die nüchternen Fakten zu diesem Blog. Eine Frage ist noch offen: Macht es Sinn, historische Inhalte über das Internet zu vermitteln? Braucht es neben Radio, Film, Zeitschriften, Zeitungsartikeln und der "klassischen" gebundenen Literatur noch ein weiteres Medium? Und was sind die Probleme und Möglichkeiten? Kurz: Wie lautet die Quintessenz der letzten zwei Monate?

Das Internet stellt eine weitere mediale Revolution dar, die diese Welt erlebt. Sie ist vergleichbar mit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und führt zu einer weltweiten Verbreitung von Wissen (Wikipedia, Online-Zeitungen aus aller Welt, Podcasts, Mediencenter der TV-Sender, etc.) und zu einer weltweiten Vernetzung seiner Benutzer (Twitter, Email, Soziale Netzwerke, etc.). Das Internet ist ein wichtiges Werkzeug der derzeit stattfindenden Revolutionen in der arabischen Welt, über die Rolle von Twitter und Facebook in Ägypten und Tunesien wurde bereits viel geschrieben. (Das wirft gleichzeitig die Frage auf, wie Historiker in Zukunft mit diesen Medien umgehen. Sollen sie, können sie archiviert werden und wie wertet man sie aus?)
Die Welt ist im Internet und wer sie erreichen will, muss ihr folgen. Die Geschichtswissenschaft darf sich dieser Entwicklung nicht verschließen, muss sich aber auch der Problematiken und Grenzen dieses Mediums bewußt sein. Es besteht nicht die Gefahr, dass alles, was nicht online geht, verschwinden wird, so wie die mündliche Tradierung der Geschichte mit den Büchern verschwand. Das Internet scheint (zur Zeit?) wenig geeignet für komplexe Diskussionen, eher abstrakten Theorien oder für die Darstellung vielschichtiger Forschungsliteratur. Sie leben von linearen Struktur des Buches. (Was nicht bedeutet, dass sie nicht im Internet zugänglich sein sollten. E-Books oder Formate wie Scribd machen dies möglich)
Das Internet scheint mir nach den Erfahrungen mit diesem Blog vor allem für klar definierte, klar abgegrenzte Themen geeignet zu sein. Mit Hilfe von Internetseiten oder Blogs lassen sich Themen wie "Der Vampir von Düsseldorf - die Akte Kürten" gut darstellen und vermitteln. Das Internet bietet für die Darstellung und Vermittlung viele herkömmliche Medien an und bündelt sie. So kann man Ton einsetzen (Musik, O-Töne, Radio-Reportagen), Film, (Kino, TV-Dokus), Karten (als Bild eingebunden oder interaktiv wie bei Google Maps), Bilder (historische Fotografien, Gemälde, Lithographien, Stiche) und natürlich Texte. Aber genau hierin liegt (im Vergleich zur Hausarbeit) oft die Krux des Internet. Jede Verwendung eines der genannten Medien kommt einer Veröffentlichung gleich und damit ist man mittendrin im Urheberrecht. Mir persönlich ist es mehr als unklar, wo im Internet die wissenschaftliche Nutzung aufhört und ab wann man die Einwilligung des Rechteinhabers benötigt. Ein weiteres Problem könnte je nach Thema der Jugendschutz sein, nicht nur deshalb wurde hier auf die Veröffentlichung von Obduktionsfotos verzichtet.
Die vielen Möglichkeiten eine Internetseite zu gestalten und die vielen Medienformen, die hier zusammengeführt werden können, erfordern zu Beginn eines solchen Projekts eine genaue Struktur. Zwar erstellt man auch für eine Hausarbeit oder Aufsätze eine Gliederung, aber da im Internet die Textlänge gewöhnlich kürzer ist und dafür mehr eigenständige Artikel verfasst werden, muss man sich einen recht genauen Ablaufplan zurecht legen. Ursprünglich waren für diesen Blog 86 Artikel (ohne die Lichtbilder) geplant, mit 105 sind es zwar etwas mehr geworden, aber das war nicht dramatisch. Da einige Themen hier nur angerissen wurden (Die Stadt 1929), konnten auch einige Artikel nachträglich eingefügt werden und andere wurden dementsprechend nicht geschrieben.  
Ein weiteres Problem des Internets betrifft das wichtigste Werkzeug des Historikers: die Fußnote. Abgesehen von behebbaren Formatierungsproblemen (in Googles Blogger kann man derzeit keine Fußnoten wie in Textverarbeitungs- programmen einfügen) gibt es bei online verfügbaren Quellen das Problem, dass sie selten die Beweiskraft eines gedruckten Werks haben. Das liegt zum einen daran, dass der Autor nicht immer klar identifizierbar ist und zum anderen, dass weder Links noch der Inhalt garantiert werden können. Hier fehlt es noch an einer komfortablen Möglichkeit, Internetseiten inklusive aller Inhalte (z.B. Bilder und eingebundene Videos) speicher- und damit haltbar zu machen, ohne dass die Rechte des Besitzers verletzt werden.
Im Gegensatz zum unveränderbar gedruckten, sind Texte in der digitalen Welt des World-Wide-Web dynamisch. Rechtschreibfehler sind jeder Zeit veränderbar, Biblio- graphien können laufend ergänzt werden, fehlerhafte Absätze können verschwinden, neue Daten hinzugefügt werden. In diesem Blog wurden am 27.März 2011 alle Tatort-Beiträge überarbeitet, da die verwendete und eingebundene Karte mit jedem neuen Fall ergänzt wurde, so dass der Leser, der nicht von Anfang an mitgelesen hat, inzwischen vor allem bei den frühen Tatort-Einträgen eine ungenaue Beschreibung vorfand. Im Fall Gertrud Schulte wurde auch die Markierung aufgrund von Erkenntnissen im Fall Reuter verschoben und dies im Text auch kenntlich gemacht, wobei das Datum der Veränderung genannt wurde. An diesen Beispielen wird deutlich, welche Chancen, aber auch welche Risiken eine geschichtswissenschaftliche Verwendung des Internets birgt. Es bedarf eines Kodex', evtl. auch einer speziellen Programmierung, der garantiert, dass die Veränderungen nachvollziehbar sind. Das mag für viele schon eine Verständlichkeit sein, Fehler z.B. durchzustreichen und dann nachvollziehbar zu ändern, doch die Methodik sollte einheitlich sein und nicht nur auf Gewohnheiten basieren.
Ebenfalls zu berücksichtigen ist bei der Darstellung und Vermittlung von historischen Inhalten im Internet, dass nicht nur der Name lockt, sondern vor allem Links auf die eigene Seite das Entscheidende sind, um Leser zu bekommen. Dafür zählt nicht nur, dass Suchmaschinen die Seite finden, sondern in der Regel verlinken vor allem Blogger ihre Seiten durch Kommentare bei anderen (unter den Nennung der eigenen URL), um so ein Netzwerk aus Links zu erstellen und Leser zu finden. Darauf wurde bei diesem Projekt verzichtet.
Neue Forschung zu einem Thema sollte aber weiterhin auf klassischem Wege geschehen und als Buch veröffentlicht werden. Es ist zwar ein reizvoller Gedanke, über das Internet einen Einblick in die Werkstatt des Historikers zu geben, aber zielführend ist das sicherlich nicht. Forschung braucht Ruhe, Zeit, die Arbeit im Archiv und anschließend eine Schreibphase, in der man in aller Ruhe alle Aspekte zusammenführen, von allen Seiten betrachten und schließlich das Bild zusammen setzen kann. Dabei kann das Internet nicht helfen und es ist auch nicht sinnvoll jeden Gedanken unkontrolliert zu veröffentlichen.

Mit diesen Zeilen wird dieses Projekt also beendet und ich blicke ganz zufrieden darauf zurück. Ich habe einiges gelernt und ich hoffe, dass auch dem geneigten Leser jeder Besuch in diesem Blog gefallen hat, auch wenn der Inhalt weniger schön war. Ob es an dieser Stelle weiter geht, ist noch nicht klar, auf jeden Fall bleibt der Status Quo erhalten.

P.S. Wer sich für Denkmäler und insbesondere die der Stadt Wuppertal interessiert, der sei auf Denkmal_Wuppertal verwiesen.

27. März 2011

Hinter Gittern (5): Der letzte Tag

Am 3.Juli 1931 verfasste der Oberstaatsanwalt einen Bericht an den Preußischen Justizminister, in dem er die letzten Handlungen im Fall Kürten darlegte. Am 24.Juni erhielt dieser den Auftrag im Kölner Gefängnis Klingelpütz den Hinrichtungsraum und die dort vorhandene, noch aus der Franzosenzeit stammende[1] Guillotine zu überprüfen. Er stellte fest, dass diese rasch gebrauchsfertig gemacht werden könnte. Am 1.Juli 1931 um 9 Uhr erhielt der Oberstaatsanwalt die Verfügungen des Justizministers zur Ablehnung des Gnadengesuchs und zur Hinrichtung Kürtens. Um 9.30 Uhr meldete sich der Magdeburger Scharfrichter Karl Gröpler mit drei Gehilfen, der sich dann sofort nach Köln begab um die Guillotine gebrauchsfertig zu machen. Um 15 Uhr wurde Kürten von Düsseldorf nach Köln verlegt. Die Überführung erfolgte im Kraftwagen mit ausgesuchter Bewachung ohne dass Kürten Fesseln angelegt wurden. Um 17:05 Uhr gab der Oberstaatsanwalt Peter Kürten die Entscheidung des Justizministers bekannt und erklärte ihm, dass die Hinrichtung am nächsten Morgen um 6 Uhr stattfinden würde. 
"Kürten nahm diese Eröffnung tief erschüttert, aber äußerlich gefaßt entgegen."[2]
Der Oberstaatsanwalt ließ sich anschließend die Funktions- fähigkeit der Guillotine vorführen. Kürten verbrachte die Nacht schlaflos im Beisein von zwei Geistlichen, sein Verteidiger Dr.Wehner war ebenfalls eine Zeit lang anwesend. Gegen 19 Uhr aß er ein Schnitzel, Bratkartoffeln und Salat und trank im Laufe der Nacht anderthalb Flaschen Wein. Er verfasste 13 Briefe, die er an seine inzwischen von ihm geschiedene Frau, den Anstaltsdirektor in Köln und die Opfer, bzw. die Angehörigen der Getöteten gerichtet waren. [3] Seiner Frau schrieb er gegen drei Uhr in der Nacht, dass er um 6 Uhr ausgelitten habe. Dankbar sei er für den Trost der Herren, die bei ihm waren und ihm die letzte Nacht etwas leichter gemacht hätten. Er bat sie "von Herzen" um Verzeihung für das Unrecht, dass er ihr zugefügt habe, und für die Schmach und die Schande, die sie seinetwegen erlitten habe. Der Brief endet mit den Worten: "Liebe gute Guste bete für mich, im Himmel sehen wir uns wieder."[4]
Als Beispiel für die Briefe an Angehörige und Opfer seien hier drei zitiert:
"Köln den 1.Juli 1931
An die Angehörigen der kleinen Rosa Ohliger.
In meinem Schlußwort in der Hauptverhandlung hatte ich Sie bereits schon gebeten, wenn es Ihnen möglich sein sollte, das große Unrecht, das ich Ihnen zugefügt habe, mir zu verzeihen. Bevor ich meinen letzten Gang antrete, bitte ich Sie nochmal von ganzem Herzen um Verzeihung. Ich war von einem Wahn befangen und wußte nicht was ich tat. Es tut mir aufrichtig leid.
Ich bete für sie.
gez. Peter Kürten"
"Köln, den 2.Juli 1931
An Frl. Gertrud Schulte.
Aus meiner Sterbestunde:
Ich habe den lieben Gott um Verzeihung gebeten, und Er gab sie mir. Ich bitte auch Sie mir zu verzeihen und meiner in Ihrem Gebet zu gedenken.
gez.Peter Kürten"
"Köln, den 2.Juli 1931
An die Angehörigen der Maria Hahn in Bremen.
In meiner Todesstunde fühle ich besonders das schwere Leid das ich Ihnen zugefügt habe, und bereue es aus tiefstem Herzen.
gez.Peter Kürten"
[5]
Um 4:45 Uhr wurde für Peter Kürten die heilige Messe gelesen, er beichtete und erhielt die Kommunion. "Mit dem Heranna[h]en der Stunde der Vollstreckung nahm seine Fassungskraft immer mehr ab", beobachtete der Oberstaatsanwalt und erkannte, dass "er nunmehr wirkliche Reue empfand und seine Verbrechen durch den Tod sühnen wollte." Um 6:02 Uhr begleiteten ihn die beiden Geistlichen und Dr.Wehner zur Richtstätte im Hof des Gefängnisses, die gegen Blicke von Unbeteiligten abgesichert war. Der Oberstaatsanwalt beschreibt die letzten Momente: 
"Kürten war jetzt aufs tiefste erschüttert, hielt sich aber aufrecht und bewahrte unter Aufbietung seiner letzten Kräfte die Fassung. Seine Hände waren ihm leicht auf dem Rücken zusammengebunden. Er hörte die Verlesung der rechtskräftigen Urteilsformel und des Erlasses der Preußischen Staatsministeriums ruhig an, nahm Einsicht in den Erlaß, äußerte aber kein Wort mehr. Der Erlaß wurde sodann dem Scharfrichter vorgezeigt und dieser aufgefordert seines Amtes zu walten. Kürten ließ auch die letzten Vorbereitungen ohne jede Äußerung ruhig an sich vornehmen. Eine Minute später meldete der Scharfrichter, daß das Urteil vollstreckt sei. Die ganze Verhandlung hatte drei Minuten in Anspruch genommen.[6]
Die Leiche Peter Kürtens wurde anschließend an Professor Krause vom anatomisch-biologischen Institut an der Universität Berlin übergeben. Drei weitere Ärzte unternahmen noch vor Ort Versuche und entnahmen Präparate. [7] Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Kopf Kürtens in die USA, wo er bis heute im "Ripley's Believe It or Not! museum" in Wisconsin Dells ausgestellt wird. Bei Flickr findet sich eine Fotografie [8] davon.
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[1] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.294.
[2] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.290.
[3] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.289f..
[4] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.291f..
[5] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.293f..
[6] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.291.
[7] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.291.
[8] Jeremy G. Soper: Mummified head of Peter Kürten, http://www.flickr.com/photos/jeremysoper/2556742611/ (abgerufen am 17.03.2011)
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Die vollen bibliographischen Angaben, soweit hier nicht genannt, sind am unteren Ende der Seite aufgeführt. (Zu erreichen über die ENDE-Taste)

26. März 2011

Hinter Gittern (4): Das Gnadengesuch

Am 22.Mai 1931 stellte der Verteidiger Peter Kürtens in dessen Auftrag den Antrag "die über den verurteilte verhängte Todesstrafe im Gnadengesuch in lebenslängliche Zuchthausstrafe umzuwandeln."[1] Diesen Worten stellte er die Bitte seines Mandanten voran, der ihm am 27.April 1931 geschrieben hatte. Kürten führte in dem Brief aus, dass er einige Gesichtspunkte der Verteidigungsrede dafür noch einmal vortragen solle: die Frage nach der "Überlegung" zum Tatzeitpunkt (schließlich könne kein Mensch be- urteilen, wie es in ihm selbst ausgesehen habe), seine erbliche Belastung, das "Martyrium seiner Jugend" und die Folgen des Strafvollzugs. Kürten schreibt: "Es wäre wohl niemand, der in meinen Kinderschuhen gesteckt hätte, unbeschadet durchs Leben gegangen, aber höchstwahr- scheinlich auch schwer verunglückt."[2]

Am 3.Juni 1931 folgte dann die Stellungnahme des Ober- staatsanwalts. Dieser stellt fest, dass das Urteil (zugestellt am 29.5.1931) in "tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht" ohne Makel sei. Er geht dann auf das Geständnis ein und bestätigt noch einmal, dass das Urteil angemessen war. Er spricht sich für die Vollstreckung der Strafe aus, da Kürten einer Begnadigung unwürdig sei. Der Oberstaatsanwalt beschreibt ihn als sittliche verkommen, als Verachter von Menschenleben und als grausamen Kindermörder. Reue oder Mitleid habe Kürten nicht gezeigt, die Schlußworte im Prozeß seien unecht und mit Berechnung auf das Gnadengesuch ausgesprochen, was auch in der Urteilsbegründung so gesehen werde. Die Gesellschaft hätte einen Anspruch auf dauerhaften Schutz gegenüber einem solchen Verbrecher, wie sie nur die Todesstrafe gewähren würde. Kürten hätte mehrfach in seinem Leben die Gelegenheit gehabt sich zu bessern, doch diese Chancen habe er allesamt nicht wahrgenommen. Er sei überhaupt nur aus einem Grund von Altenburg nach Düsseldorf gekommen: um neue Straftaten zu begehen. Außerdem, so führte der Oberstaatsanwalt aus, würde das Volk eine Begnadigung nicht verstehen und auch die Presse sei überwiegend dafür, lediglich prinzipielle Gegner der Todesstrafe sprächen sich dagegen aus. Dies sei aber in diesem Fall zu vernachlässigen, da ein Rechtsirrtum ausgeschlossen sei.[3]

Der Stellungnahme des Oberstaatsanwalts ist eine Stellungnahme des Polizeipräsidenten beigefügt. Sie datiert vom 19.Juni 1931. Der Polizeipräsident führt aus, dass die Stimmung im Volke für eine Vollstreckung der Todesstrafe sei, auch wenn die Presse sich mit grundsätzlichen Erwägungen zur Todesstrafe zu Wort melde. Außerdem sei das Volk für Kürten zu schützen. Kürten sei es ohne weiteres zuzutrauen aus dem Gefängnis auszu- brechen, wie es einem Mörder am 15.6.31 in Lüttringhausen gelungen sei. Ebenfalls sprächen sich die Angehörigen der ermordeten Kinder für den Vollzug der Todesstrafe aus.[4]

Auch der Direktor der Strafanstalt äußert sich am 19.Juni 1931 zum Gnadengesuch. Die Anstaltskonferenz stimmte am selben Tag für Ablehnung des Gnadengesuch, nur der katholische Pfarrer habe sich der Stimme enthalten. Es folgt darauf ein Bericht über die Haftzeit Kürtens seit dem 7.Juni 1930, der einen Einblick in seine Gemütsverfassung gibt. Kürten benahm sich als sei er Herr der Situation und verlangte zahlreiche Extra-Wünsche, die ihm gewährt wurden, wenn er drohte die Aussage zu verweigern. Unter anderem verlangte er Kautabak einer anderen Marke, einen neuen Zellenanstrich, andere Matratzen oder eine Zelle zur Sonnenseite hin. Diese Wünsche wären ihm aber alle nicht gewährt worden. Als im Herbst 1930 ein Gutachter aus Bonn auf Antrag des Verteidigers ihn untersuchte, brachte dieser seine Privatsekretärin mit. Kürten erklärte daraufhin, dass die Frau einen schönen Hals habe und er nicht garantieren könne, dass er sich einmal auf sie stürzen könne. Der Gutachter verzichten anschließend darauf die Sekretärin weiterhin mitzubringen. Auch der Verteidiger hätte seinerseits größte Probleme mit Kürten gehabt und habe nur mit ihm reden können, wenn er ihm Rauchwaren, Genußmittel, Zeitungen oder ein bestimmtes Weißbrot mitbrachte. Seit Dezember 1930 besuchte er den Gottesdienst. Trotz nächtlichem Licht und Bewachung durch einen Beamten schlafe er seelenruhig und hätte den ersten Verhandlungstag verschlafen, wäre er nicht geweckt worden. An den Verhandlungstagen achtete er darauf perfekt frisiert und gekleidet zu sein. Nach dem Urteil wurde Kürten auf Anordnung des Präsidenten des Strafvollzugsamts in Sträflingskleidung gesteckt und aller Vergünstigungen wurden ihm entzogen, worauf er bereute das Urteil angenommen zu haben. Er sprach dann auf oft Reue und Mitleid mit den Opfer, was aber "entsprechend seiner andersgearteten Persönlichkeit [...] von der Reue anderer Menschen wohl zu unterscheiden sei." Er stellte auch dar, dass die jetzige Staatsregierung aufgrund ihrer Einstellung die einzige Gewähr für ein erfolgreiches Gnadengesuch sei, was -so erklärte der Anstaltsdirektor- der wahre Grund für die unverzügliche Annahme des Urteils gewesen sei. Außerdem äußert der Anstaltsdirektor die Sorge, dass sich Kürten trotz strengster Sicherungs- maßnahmen an einem Mitgefangenen oder Beamten vergreifen könnte.[5]


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[1] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.260.
[2] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.260..
[3] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.261ff..
[4] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.264f..
[5] Lenk / Kaever (Hg.): Peter Kürten, S.267ff..

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Die vollen bibliographischen Angaben, soweit hier nicht genannt, sind am unteren Ende der Seite aufgeführt. (Zu erreichen über die ENDE-Taste)